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Offener Brief: Trans*feindlichkeit in den Medien

“Das Geschichtsbuch im Regal wiederholt sich ständig.” – seit Jahrzehnten tanzen wir über diese Zeile hinweg. Das, obwohl an der Aussage sehr viel dran ist. Einige Dinge ändern sich eben nie. Dass sich Dinge im geschichtlichen Zeitrahmen wiederholen, müsste insbesondere Andreas Rödder wissen. Dieser wird in einem Echo-Artikel vom 6. Februar 2021 vorgestellt als Gastautor und Professor für Neueste Geschichte. Im Artikel “Das *-Thema” darf sich die Person so richtig aufregen über eine diskriminierungsfreie Sprache und unwidersprochen die Situation von trans* Menschen mit Pädophilie vergleichen.

Es ist auch nicht verwunderlich, dass Rödder die Diskussion um eine geschlechtergerechte Sprache nutzt, um seine queerfeindliche Haltung zu manifestieren und um nach seinen Hasstiraden zur diskriminierungsfreien Sprache einen Bezug zwischen trans* und Pädophilie herzustellen. Hier wiederholt sich die Geschichte, denn zum Thema Pädophilie zu greifen, für unappetitliche Vergleiche, ist nicht neu. Friedrich Merz, der mehrfach für den Vorsitz der CDU kandidierte, brachte 2020 diesen Vergleich bereits beim Bewerben seiner Kandidatur. Erika Steinbach, ehemals CDU-Mitglied und nun der AfD nahestehend, befriedigt damit die Leselust der Blase, in der sie sich befindet, ebenfalls. Diese Vergleiche, die seit Jahrzehnten kursieren, haben nach wie vor ein Ziel: das Schüren von Angst und Hass gegenüber queeren Menschen.

Der “Gastautor” vermischt mehrere Thematiken miteinander. Drei Schwerpunkte stechen dabei heraus:

Erstens ist hier markant, wie stark diese Stimmungsmache gegen trans* Menschen ist. Diese ist jedoch nicht neu. Seitdem Menschen vereinter gegen Diskriminierung vorgehen und diskriminierende Richtlinien mancherorts gekippt werden, werden Kritiker*innen lauter und dreister, und scheuen sich – wie neben Rödder beispielsweise auch Birgit Kelle – nicht, in einer verächtlichen, abwertenden Sprache über eine Gruppe von Menschen zu sprechen, die zu einer der am stärksten marginalisierten Gruppen überhaupt gehört. Der Schaden, der dabei für trans* Personen angerichtet wird, wird hier billigend in Kauf genommen, um die eigene Agenda voranzutreiben. 

Diese Verrohung der Sprache führt auch zu Handlungen. Wir beobachten dies in Deutschland daran, dass Hassgewalt gegen queere und insbesondere trans* Menschen erschreckend zunimmt. Wie Ungarn zeigt, können sich diese Handlungen aber auch bis auf die staatliche Ebene ziehen und dazu führen, dass das freie Leben von trans* Menschen gesetzlich eingeschränkt wird. Ein weiteres Land, die Vereinigten Staaten, zeigt ebenso, wie fragil der Schutz von trans* Menschen selbst auf rechtlicher Ebene ist: Es hat sich ein Tauziehen bestehend aus widersprüchlichen Gesetzen etabliert, welches zeigt, dass das Einstehen für die Rechte von queeren Menschen eine wahre Sisyphusarbeit ist.

Zweitens verquickt Rödder das Thema der geschlechtergerechten Sprache ganz bewusst mit einem anderen Thema, welches durch eine aktuelle Debatte im Vereinigten Königreich medial wieder mehr an Aktualität gewinnt. Es ist die Frage, wie wir mit trans* Identität bei Jugendlichen umgehen sollten und inwiefern Eltern und Ärzt*innen zulassen müssen, dass diese überhaupt gelebt werden darf. Medizinisch gesehen gibt es die Möglichkeit, trans* Jugendlichen ein temporäres Aufschieben der Pubertät zu ermöglichen, um mehr Entscheidungszeit zu gewinnen oder auch nach reiflicher Überlegung eine Transition in Wege zu leiten. Dabei müssen sie natürlich ein starkes Mitspracherecht haben – wer weiß besser Bescheid über ihr Geschlecht als sie selbst? Da das Nichteingreifen in der Regel eine genauso irreversible Entscheidung ist wie eine Transition einzuleiten, sind die Pubertätsblocker der einzige Weg, um Teenagern mehr Zeit zum Nachdenken zu schenken, falls Zweifel bestehen.

Wie der Tagesspiegel im Artikel “Debatte um trans Jugendliche” erläutert, ist das Thema in Deutschland jedoch lange nicht so kontrovers, wie es Rödder darstellt. Denn de facto werden im Rahmen einer Transition nicht nur Jugendliche, sondern auch ihre Eltern einbezogen. Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen arbeiten in Deutschland mit großer Sorgfalt. Eine Transition ist folglich nie eine Entscheidung, die in einem Augenblick oder über Nacht getroffen werden könnte, und zieht sich gerade bei jungen Personen über viele Jahre hin.

Auch der Respekt vor der selbstempfundenen Geschlechtsidentität einer Person, unabhängig von körperlichen Merkmalen, ist keine hochproblematische Ideologie. Diese Identität wurde schon mehrfach vom Bundesverfassungsgericht als ausschlaggebendes Merkmal befunden, unter anderem auch in einem Urteil, in dem nicht-binäre Personen das Recht auf eine korrekte Anrede zugesprochen wurde. Dieser Respekt ist Konsequenz der Achtung vor der Würde des Menschen.

Rödder äußert sich im Gastbeitrag hingegen so: „Pubertierende Jugendliche eine Entscheidung von solch lebenslanger Tragweite treffen zu lassen, ist verantwortungslos. Das erinnert mich an die sorglose Verharmlosung von Sex mit Minderjährigen in den achtziger Jahren […].“. So weit, so falsch und trans*feindlich also.

Drittens das Thema, welches laut Überschrift eigentlich im Vordergrund stehen sollte; es ist das Gendersternchen. Zunächst postuliert Rödder, das Benutzen des generischen Maskulinums, also das alleinige Verwenden der maskulinen Form eines Wortes, erfasse alle Geschlechter. Alleine aus logischer und semantischer Sicht ist das maximal falsch – es ist immerhin weiterhin das Maskulinum, egal, mit welcher Motivation es verwendet wird. Die Gedanken, die hinter der Verwendung des jeweiligen Wortes stehen, werden nicht auf magische Weise beim Sprechen mit übertragen.

Mit dieser Ansicht bleibt Rödder weit hinter der heutigen Lebensrealität vieler Menschen zurück: Personen, die eine binäre Geschlechterzuordnung für sich nicht als passend empfinden, gibt es in allen Altersstufen, sie werden in den Medien immer sichtbarer, und doch sollen sie in der Sprache – wie in vielen Statistiken – nicht sichtbar gemacht werden. Dabei haben wir das Mittel für die Schaffung von Sichtbarkeit längst gefunden: Das Gendersternchen schafft genau diese Inklusivität für alle. Das Sternchen ist dafür da, alle Leser*innen anzusprechen, egal, welches Geschlecht sie haben. Es heißt alle Menschen willkommen und spricht sie an – auch Andreas Rödder.

Die Überschrift seines Artikels, der Gender-Stern würde eine hochproblematische Ideologie verbreiten, ist angesichts der Tatsache, dass er selbst eine hochproblematische und trans*feindliche Ideologie verbreitet, fast ironisch. Sie zeigt aber auch: Es ist Zeit, Trans*feindlichkeit Geschichte werden zu lassen!

Solidarität mit verfolgten queeren Aktivist*innen in unserer polnischen Partnerstadt Płock

For English version, please see below

Die Lage für queere Menschen in Polen wird zunehmend besorgniserregender: während auf gesellschaftlicher Ebene Menschen teils gewalttätig attackiert werden, schränken queerfeindliche Politiker*innen auch rechtlich die freie Entfaltung durch das Errichten von sogenannten “LGBT-ideologiefreien Zonen” ein. Nun ist die Verfolgung von queeren Aktivist*innen auch in Darmstadts Partnerstadt Płock angekommen mit gravierenden Folgen. Deshalb müssen wir auch hier unsere Stimme erheben.

“LGBT” dargestellt als Sünde

“Geld”, “Gier”, “Stolz”, “LGBT”, “gender” und “Homosexualität” – diese und weitere Begriffe wurden zum Osterfest im Jahr 2019 an einer Kirche in unserer Partnerstadt Płock in einer “Kunstinstallation” als Sünden präsentiert. Dieser offensichtlich queerfeindliche Akt blieb von Elżbieta Podleśna und zwei weitere Aktivist*innen nicht unkommentiert. Sie zeigten Farbe und druckten Plakate, auf denen die Schwarze Madonna von Tschenstochau mit einem regenbogenfarbigen Heiligenschein zu sehen war. Rechte Kreise bezeichneten das Geschehen laut OKO.press als „Angriff auf die Kirche“, während Politiker*innen von „Entweihung“ sprachen. Jetzt drohen ihnen aufgrund dieser Protestaktion bis zu zwei Jahre Haft, da dies als Verletzung von religiösen Gefühlen verurteilt werden könnte. 

„Ich wollte mich Verachtung, Hass und Aggression widersetzen.“

Die Motivation der drei Personen ist klar: Sie wollten sich mit einer kreativen Aktion gegen die Hassbotschaft zum Osterfest stellen. Vor knapp einem Monat äußerte sich während des ersten Prozesses eine beteiligte Aktivistin: „Ich wollte mich Verachtung, Hass und Aggression widersetzen.” Dabei werden glücklicherweise auch hierzulande Stimmen lauter, die auf das Spannungsfeld zwischen der freien Meinungsäußerung und dem Eingreifen der Kirche in jene aufmerksam machen.

Wir finden auch: Ein Regenbogen ist kein Verbrechen!

Auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam zu machen, darf nicht als Verbrechen gewertet werden. Insbesondere nicht, wenn es durch das bloße Zeigen eines Regenbogensymbols über einem Gemälde oder Bildnis geschieht. Es erinnert sehr stark an die Verfolgung der öffentlichen Verwendung von Regenbogenflaggen in Russland, ebenfalls aber auch an die Ketzerverfolgung im Mittelalter. Aber es passiert im 21. Jahrhundert, in der Europäischen Union, die die Prinzipien des Rechtsstaats kaum verteidigen konnte.

Wir fordern Solidarität – aber auch Handeln.

Wir stehen im Kontakt zu den Aktivist*innen, um zu klären, wie wir hier von Darmstadt aus nicht nur Solidarität zeigen, sondern aktiv etwas an dieser misslichen Lage ändern können. Voraussichtlich am 2. März wird ein Urteil aufgrund ihrer Aktion gefällt.

Bereits in unseren queeren Forderungen für die Kommunalwahl in Darmstadt forderten wir ein Selbstverständnis für den Umgang mit Queerfeindlichkeit in unseren Partnerstädten. Die queere Community darf bei solchen Vorfällen nicht wegschauen, insbesondere die Partnerstadt darf es ebenfalls nicht. Der Zusammenschluss SUQ (Solidarisch Unaufgefordert Queer) wird am 28. Februar 2021 während einer Online-Veranstaltung die Verfolgung von queeren Menschen in Polen und die Hintergründe beleuchten. Bis dahin bleibt es an uns, ebenfalls die Stimme zu erheben und den Dialog zu suchen.

vielbunte Forderungen an die Kommunalpolitik

Wir von vielbunt e.V. sehen uns als Gestalter_innen queeren Lebens sowie als Ansprechpartner_innen und Sprachrohr für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, inter und queere Menschen (LSBT*IQ) in Darmstadt. Aus diesem Grund nehmen wir die anstehenden hessischen Kommunalwahlen am 14. März 2021 zum Anlass, acht queere Forderungen an die Stadtpolitik zu formulieren.

Ab Dezember schickten wir diese an alle bei der Wahl teilnehmenden Parteien. Dabei deckten die Forderungen vielfältige Themenfelder ab: von einem Selbstverständnis zur Antidiskriminierungs bei Städtepartnerschaften, über queer-sensible Schulsozialarbeit, bis hin zum Schutz von LGBT*IQ Flüchtlingen. Gemeinsam haben alle Forderungen jedoch, dass sie die Lebensqualität für queere Menschen durch gute Kommunalpolitik erhöhen. 

Dabei sollte man nicht die Wirkung dieser Forderungen unterschätzen – als wir 2016 bereits Wahlprüfsteine aufstellten, bekamen wir nicht nur viele positive Rückmeldungen, sondern können in einem Fazit nach fünf Jahren nun auch zeigen, dass fast alle Forderungen erfüllt worden sind.

Auf unserer Internetpräsenz https://darmstadt-waehlt-queer.de/ können die Antworten der einzelnen Parteien betrachtet werden, die bereits mit einer Bewertung versehen worden sind. So ließ sich eine schnell und einfach zu lesende Übersicht schaffen um zu sehen, welche Parteien die vielbunten Forderungen an die Kommunalpolitik am ehesten unterstützen:

Forderung CDU GRÜNE SPD FDP DIE LINKE UFFBASSE WGD Darmstadt Volt Darmstadt Die PARTEI
1. Unisex-Toiletten + Unisex-(Einzel-)Umkleiden 🟡🤨 🟢😃 🟢😃 🟡😐 🟢😃 🟢😃 🟢😃 🟢😃 🟢😃
2. Hilfe für LSBT*IQ Jugendliche 🟢😃 🟢🙂 🟢😃 🟢🙂 🟢🙂 🟡🤨 🟢😃 🟢🙂 🟢😃
3. Queer-Sensible Schulsozialarbeit 🟡🤨 🟢😃 🟢😃 🟢🙂 🟢😃 🔴😕 🟡🤨 🟡🤨 🟢😃
4. Inter*-Sensibilisierung in der Kinderbetreuung 🟡🤨 🟢😃 🟢😃 🟢😃 🟢😃 🟢😃 🟢😃 🟢😃 🟢😃
5. Schutz für LSBT*IQ-Flüchtlinge 🟢😃 🟢😃 🟡😐 🟢🙂 🟢😃 🟡😐 🟢😃 🟡😐 🟢😃
6. Barrierefreiheit im Queeren Zentrum 🟢😃 🟢😃 🟢😃 🟢😃 🟢😃 🟡😐 🟡🤨 🟢😃 🟢😃
7. Diskriminierungsfreie Sprache 🔴☹️ 🟢😃 🟢😃 🔴😕 🟢😃 🟢😃 🔴☹️ 🟢😃 🟢😃
8. Antidiskriminierung bei Städtepartnerschaften 🔴😕 🟢😃 🟢😃 🟡😐 🟢😃 🟢😃 🔴☹️ 🟢😃 🟢😃

Legende:

🟢😃 Die Forderung wird ohne Einschränkung unterstützt
🟢🙂 Die Forderung wird abgewandelt, aber mit dem selben Ziel unterstützt
🟡😐 Die Forderung wird abgeschwächt unterstützt
🟡🤨 Die Forderung scheint unterstützt zu werden, bei genauerem Hinschauen ist jedoch ein Haken oder Widerspruch enthalten
🔴😕 Der Forderung wird eine Absage erteilt
🔴☹️ Dem Kern der Forderung wird widersprochen, bzw. das dahinter liegende Problem wird geleugnet

Was seit den Hessischen Kommunalwahlen 2016 in Darmstadt geschah

Anlässlich der Hessischen Kommunalwahlen 2016 haben wir erstmals vielbunte Forderungen an die Kommunalpolitik veröffentlicht. Kurz vor der Veröffentlichung der neuen Wahlprüfsteine für die kommende Wahl ist es an der Zeit zu schauen, welche der damaligen Forderungen inwiefern umgesetzt worden sind.

Forderung 1: Ein queeres Zentrum als Begegnungsraum, Schutzort und Zuhause für Angebote rund um die Community.
✅ Das Queere Zentrum wurde am 27. Mai 2017 eröffnet.

Forderung 2: Stabile und fortlaufende finanzielle Unterstützung durch die Stadt Darmstadt für Projekte von LGBT*-Organisationen.
✅ Das Queere Zentrum und die dortige Jugendarbeit werden von der Stadt gefördert.

Forderung 3: Regenbogen-Beflaggung von öffentlichen Gebäuden und Statement zum Christopher Street Day für ein sichtbares Bekenntnis zu Vielfalt.
✅ Zuletzt hat die Stadt am 6. August 2020 die Regenbogenflaggen auf dem Luisenplatz anlässlich zur CSD-Aktionswoche gehisst, ebenfalls zum 10. Geburtstag von vielbunt am 28.11.2021.

Forderung 4: Beratungs- und Betreuungsangebote für queere Geflüchtete.
✔️ Im Schutzkonzept der Stadt wird dies berücksichtigt und die professionelle Beratung ist gewährleistet. Es gibt jedoch keine kommunale Förderung von queerer Flüchtlingsarbeit.

Forderung 5: Hilfsangebot für Kinder unter 14 Jahren, die sich als queer Identifizieren, und ihre Eltern.
✅ Durch die Öffnung und Förderung des Queeren Zentrums ist seit 2017 eine Anlaufstelle mit Fachkräften vorhanden.

Forderung 6: Eine_n Ansprechpartner_in für sämtliche Angelegenheiten von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Trans* in der Stadtverwaltung.
✅ Die Stelle ist zum Februar 2021 besetzt.

Forderung 7: Aufarbeitung der Verfolgung von Homosexuellen in Darmstadt und einen Ort des Gedenkens, Erinnerns und Mahnens.
🟨 Die Stadt gab am 13. Juli 2020 bekannt, dass ein Mahnmal ausgesucht wurde und nun über die Platzierung entschieden wird. Allerdings steht aus unserer Sicht noch eine tatsächliche Aufarbeitung aus.

Tag der Gewalt gegen Frauen in Darmstadt

Am 25.11.2020 hat der FemStreik Darmstadt und die interventionistische Linke Darmstadt in Kooperation mit CatCalls Darmstadt zu einer Kundgebung auf dem Darmstädter Friedensplatz sowie einer Sprühkreideaktion aufgerufen, um den internationalen Tag der Gewalt gegen Frauen zu begehen.

Auf Anfrage von Catcalls Darmstadt hat der Jugendvorstand von vielbunt einen Redebeitrag dazu erstellen lassen.

Hierfür wurde mit Katharina Freitag eine Masterstudentin der Geschichte beauftragt, die sich geschichtswissenschaftlich mit der Entwicklung des Frauenbildes im heutigen Deutschen Raum beschäftigt.

Dabei sollte insbesondere eine sachliche sowie informative Betrachtung des Themas erzeugt werden, welche gesellschaftsverändernde Prozesse nachvollziehen lässt und erläutert, wie diesen Entwicklungen künftig entgegengewirkt werden könnte. Speziell wird bei dieser Betrachtung auf das veraltete Festhalten an einem konstruierten, binären Geschlechtersystem verwiesen.

Autorin Katharina Freitag (Bildquelle: Katharina Freitag privat)

Diese Rede wurde aufgrund der aktuellen Corona-Fallzahlen nicht in persönlicher Präsenz unsererseits gehalten, sondern stellvertretend vorgetragen:

Zur Entwicklung der Kategorie „Frau“ seit der Frühen Neuzeit (Katharina Freitag)

Heute demonstrieren wir gegen sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt gegen Frauen*. Danke an CatCalls Darmstadt für ihren Aufruf dazu! Es gibt nicht nur die offensichtlichen Dinge, über die es sich zu diesem Anlass zu sprechen lohnt und die hier und heute ebenfalls ausgesprochen werden. Wir können diesen Tag auch nutzen, um die Wurzeln des Problems genauer zu betrachten. Beispielsweise kann man sich durchaus fragen, warum es sich hier um ein Themenfeld handelt, das unsere Gesellschaft als Sonderthematik unter der Kategorie „Frauenthema“ verortet. Woher kommt eigentlich diese Trennung, die sich nicht nur in Alltagsdiskussionen zeigt?

Auch im akademischen Diskurs der Geschichtswissenschaft wird diese Aufteilung deutlich, in dem gerade das Feld der „Frauengeschichte“ eine Hochkonjunktur erlebt, nachdem es jahrzehntelang ein Schattendasein geführt hat. Historische Frauenfiguren erlangen endlich die Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht und tragen damit zu einem umfassenderen, vollständigeren Blick auf die Menschheitsgeschichte bei. Doch ein bitterer Beigeschmack bleibt. Wieder ist eine gesonderte Betrachtung nötig, wieder die Spezialthematik, auch wenn sie inzwischen kaum noch von seriösen Wissenschaftler*innen zu übergehen ist. Der Herkunft dieser Schwarz-Weiß-Trennung möchte ich heute ein wenig auf den Grund gehen.

Ich selbst beschäftige mich in meinem Studium der Geschichtswissenschaft mit der Frühen Neuzeit, also grob gesagt mit der Zeitspanne vom 16. bis 19. Jahrhundert. In dieser Epoche bildeten sich die meisten modernen Kategorien und Strukturen erst aus, da ist die soziale Kategorie „Frau“ keine Ausnahme. Ich finde es wichtig nachzuvollziehen, woher unsere heutige Auffassung davon, was eine Frau ist, eigentlich kommt. Denn eines vorab: Geschlechterrollen unterliegen immensem historischen Wandel und sind damit immer auch eine Konstruktion.

Geschlecht ist im Spätmittelalter und zu Beginn der Frühen Neuzeit keine in Stein gemeißelte Kategorie.[1] Vielmehr zeigt sich an dem ausgeprägten Interesse zur Schaffung einer klaren Geschlechterordnung vonseiten kirchlicher wie juristisch-obrigkeitlicher Institutionen, dass genau dies nicht der Fall war. Der als anarchisch interpretierte Naturzustand sollte zugunsten einer gottgewollten Ordnung überwunden werden. Juristen suchten wiederum eine Legitimierung der Geschlechterungleichheit und fanden sie in christlichen Texten. Diese Motivation, eine Ordnung herzustellen, war der Grundstein von Gesetzgebung und Staatswesen im modernen Sinne, die christliche Anthropologie stabilisierte zudem Herrschaftsansprüche.[2] Es sollte einige Jahrhunderte dauern, bis sich dieser Gedanke einer strengen Geschlechterbinarität konkret gesellschaftlich abbildete. Geschlecht war in der Frühen Neuzeit keinesfalls die wichtigste soziale Kategorie um die Position eines Menschen in der Gesellschaft zu bestimmen. Vielmehr konstituierte sich innerhalb des Sozialverbands Haushalt eine Hierarchie. Die Zugehörigkeit oder der Ausschluss von diesem Sozialverband entschied effektiv über die Identität einer Person, nicht ihr Geschlecht.[3] Selbst zeitgenössische Rechtsgelehrte – wohlgemerkt ausschließlich Männer – überschätzten die Kategorie Geschlecht in ihrer realen Ausprägung.  Während viele Männer genauso wenig am politischen Leben beteiligt waren, übten hingegen viele Frauen mit Vermögen und Besitz informelle und politische Autorität aus.[4]

Der Historiker des bürgerlichen 19. Jahrhunderts liest also diese Einschätzung von männlichen Rechtsgelehrten der Frühen Neuzeit, die wohl der entwickelten Norm, doch nicht der Realität entsprechen und nimmt sie im schlimmsten Fall unkritisch für bare Münze. Inzwischen ist die Wissenschaft zum Glück weiter.[5] Wir wissen heute, dass unser Blick auf Geschlechterrollen der Frühen Neuzeit durch die Interpretationen von Historikern aus dem 19. Jahrhundert gefärbt sind, die ihre eigene gesellschaftliche Realität auf die Erforschung der Vergangenheit übertrugen.[6] Denn unser heutiges Verständnis von „Frau“ und auch „Mann“, das den Geschlechtern verschiedene Aufgaben und Eigenschaften zuschreibt und sie damit in zwei gegensätzliche Pole einteilt, kommt aus dem späten 18. Jahrhundert. Gerade psychologische Merkmale zur Konstruktion von Geschlecht zu verwenden, ist ein vergleichsweise neues Phänomen. Die Trennung in verschiedene gesellschaftliche Sphären, ist eng verknüpft mit der bürgerlichen Gesellschaft, die im 19. Jahrhundert zur Leitkultur avancierte. Man trennte Frauen und Männer auf durch die vermeintlichen Gegensätze von Natur und Kultur, verortete die Frau im Haus und den Mann im öffentlichen Leben. Auch hier benötigte man wieder eine Autorität, um die Geschlechterungleichheit zu begründen. Dieses Mal war es nicht die Bibel, sondern die sich ausbildende professionalisierte Wissenschaft. In sonderanthropologischen Studien beschäftigte man sich mit „dem Weib“ und stellte seine Andersartigkeit und seine Eigenschaften heraus. Da haben wir sie wieder, die Sonderkategorie, extra geschaffen für die „Frau“. Es folgte der systematische Ausschluss von historischen Frauenfiguren wie ich ihn eingangs erwähnt habe.[7]

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass sich unsere Gesellschaft mit dem historisch konstruierten Charakter von „Frau“, aber auch von „Mann“, auseinandersetzt. Denn immer noch gibt es hier zu viele Missverständnisse, zu wenig Wissen darüber, dass es gerade NICHT die Wissenschaftler*innen und insbesondere Genderforscher*innen sind, die Geschlechterdiversität angeblich erfinden, sondern dass wir selbst weiterhin an der konstruierten Binarität der Geschlechter festhalten. Vielleicht beginnen wir dann auch endlich, sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt gegen Frauen* nicht mehr als „Frauenthema“, sondern als gesamtgesellschaftliche Herausforderung zu begreifen.

Dankeschön, dass Sie alle heute ein Stück weit dazu beigetragen haben, indem Sie mir Ihre Zeit geschenkt haben!


[1] Claudia Opitz-Belakhal, Geschlechtergrenzen und ihre Infragestellung in der Frühen Neuzeit, in: Christine Roll [u.a.] (Hrsg.), Grenzen und Grenzüberschreitungen. Bilanz und Perspektiven der Frühneuzeitforschung, Köln 2010, S. 527-534, hier S. 531.

[2] Heide Wunder, Normen und Institutionen der Geschlechterordnung, in: Gisela Engel/ Heide Wunder (Hrsg.), Geschlechterperspektiven. Forschungen zur Frühen Neuzeit, Königstein 1998, S. 57-78, hier S. 60f.

[3] Heide Wunder, Einleitung, in: Heide Wunder (Hrsg.), Dynastie und Herrschaftssicherung. Geschlechter und Geschlecht, Berlin 2002, S. 9-27, hier S. 16f.

[4] Natalie Zemon Davis, Frauen, Politik und Macht, in: Arlette Farge/ Natalie Zemon Davis (Hrsg.), Frühe Neuzeit. Frankfurt a.M. [u.a.] 1994, S. 189-210, hier S. 189.

[5] Claudia Ulbrich, Art. „Geschlechterrollen“, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, 2019.

[6] Arlette Farge/ Natalie Zemon Davis, Einleitung, in: Arlette Farge/ Natalie Zemon Davis (Hrsg.), Frühe Neuzeit. Frankfurt a.M. [u.a.] 1994, S. 11-26, hier S. 12.

[7] Claudia Ulbrich, Art. „Geschlechterrollen“, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, 2019.

Neuer Jugendvorstand gewählt

Zoom-Screenshot des neuen Jugendvorstands

Am 20.11.2020 wurde auf der Jugendversammlung von vielbunt der neue Jugendvorstand durch die Vereinsjugend gewählt. Aufgrund der aktuell geltenden Einschränkungen der Corona-Pandemie musste diese Versammlung online per Zoom stattfinden. 

In den aktuellen Jugendvorstand wurden Jan Bambach, Benedikt Freitag und Lu Hell wiedergewählt; neu dabei ist Jonas Franz. 

Wir bedanken uns bei der nicht erneut angetretenen Sasha Young für die Mitarbeit im vorherigen Jugendvorstand und wünschen ihr alles Gute auf ihren weiteren Wegen.

Aufgrund der hohen Zustimmungswerte bei der Wahl fühlen wir uns darin bestätigt, den erfolgreichen queerpolitisch-aktivistischen Kurs des im November 2019 gewählten Jugendvorstandes weiterzuführen.

Abseits der Wahl des Jugendvorstands wurde durch die Jugendversammlung auch das neue 2-Jahres-Programm beschlossen. Der neue Jugendvorstand bedankt sich bei den Teilnehmer_innen für das Vertrauen und freut sich darauf, das nächste Jahr mit den hauptamtlichen Pädagog_innen des queeren Zentrums Darmstadt und der Vereinsjugend gestalten zu können.

Winterfest Farbenfroh

Hallo liebe Menschen 🙂

Etwas kurzfristig aber lieber spät als nie 😀
Am morgigen Samstag ,den 08.12.18. beginnt ab 19 Uhr das erste Winterfest der Vereinsjugend des vielbunt e.V.
Jede Person zwischen 14 und 27 Jahren ist herzlich dazu eingeladen. Wir wollen mit euch gemeinsam an diesem Abend Lebkuchenhäuser bauen (natürlich wird das ein Championship 😉 ), singen-ganz im Stiele von Karaostern-, tanzen, uns unterhalten und uns am heißen Kinderpunsch aufwärmen, während wir die winterlichen Schnacks vernaschen.
Es fallen keine Kosten für euch an, jedoch ist es Pflicht, einen winterlichen Schnack mitzubringen, da wir als JAK nicht die Kapazitäten haben, für alle zu backen :`D.
Das Ende ist um 22 Uhr und da beginnt auch der Abbau.
Für den Einkauf wäre es wichtig, sich unter diesem Link Anzumelden, die Anmeldung ist bis zum 08.12.18. 16 Uhr geöffnet.

Anmeldung: https://l.facebook.com/l.php?u=https%3A%2F%2Fdocs.google.com%2Fforms%2Fd%2Fe%2F1FAIpQLSd1GXsY2RT46EeO2mhWWOXKe3HY49_h1Es_-azhk3apcUwjBA%2Fviewform%3Fvc%3D0%26c%3D0%26w%3D1%26usp%3Dmail_form_link%26fbclid%3DIwAR3dVM4yDRCkh8xJaC9e0rpvU9ektpJ4KCuWJNUibfF_vVCtQCGkJS47klc&h=AT3xoWDf08glLBWA6nVPmqNGYI5qAuS4K_OVmPsf9UGYuBDPGxQD4Py5FRRjwNi5jkRbv6jmJPMeWlHs2vn5GMEIrAMSZ0Nb4eexoehlRhZmbFkc9B7o4erUyqSJAJUar5TU

Bei Rückfragen schreib einfach eine Mail an jugendvorstand@vielbunt.org mit dem Betreff Winterfest oder wende dich an die Mitglieder des JAK Winterfests 🙂

Einführung „Gendern“ – Gendergerecht schreiben und sprechen

„Dieser Workshop ist konzipiert um eine detaillierte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen des sogenannten „Genderns“ zu ermöglichen.
Hat Gendern überhaupt einen Sinn und warum? Wie gestaltet Sprache unser Umfeld und wie können wir sie in unserer Gruppe klug einsetzen? Welche Formen sind heute gängig und gibt es eine „richtige“ Form?
Nach einer Erläuterung der verschiedenen Möglichkeiten geschlechtergerechte Sprache zu verwenden, wird in kurzen Übungen und an praktischen Beispielen der Umgang damit gezeigt.“

Der extra für die Veranstaltung aus München eingeflogene Muriel Aichberger (http://www.murielaichberger.de/) wird am Mittwoch, den 14.11.2018 um 19:00 Uhr im Queeren Zentrum Darmstadt referieren, was es mit „geschlechtergerechter Sprache“ auf sich hat, im Anschluss gibt es eine große Diskussionsrunde.

Du möchtest:
Lernen, mit der eigenen Sprech- und Schreibweise möglichst keinem Menschen Unrecht zu tun und niemanden zu diskriminieren?
-> Das und viel mehr wird an diesem Abend möglich sein! Außerdem gibt es Kekse.

Die Veranstaltung ist kostenlos und richtet sich vor allem an alle queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 27 Jahre aus und um Darmstadt, alte Häs_innen (und solche, die es noch werden wollen) sind selbstverständlich ebenfalls sehr willkommen!

Stonewall was a riot! – Die Wahrheit hinter dem globalen Mythos

+++ Stonewall was a riot! +++

Dieser Satz ist weltbekannt und hat vor allem in Darmstadt eine besondere Tragweite. Doch was heißt das eigentlich? Was hat es mit der Geschichte von queerem Widerstand auf sich? Und was ergibt sich daraus für uns heute?
Der extra für die Veranstaltung aus München eingeflogene Muriel Aichberger (http://www.murielaichberger.de/) wird am Donnerstag, den 14.12.2017 um 19:00 Uhr im Queeren Zentrum Darmstadt referieren, was es mit dem globalen Mythos „Stonewall“ auf sich hat, im Anschluss gibt es eine große Diskussionsrunde.
Du möchtest:
Die eigenen Beweggründe zum queeren Widerstand hinterfragen und die Beziehungen zwischen Vergangenem und der heutigen Situation von queeren Menschen ziehen?
-> Das und viel mehr wird an diesem Abend möglich sein! Außerdem gibt es Kekse.

Die Veranstaltung ist kostenlos und richtet sich vor allem an alle queeren Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 27 Jahre aus und um Darmstadt, alte Häs_innen (und solche, die es noch werden wollen) sind selbstverständlich ebenfalls sehr willkommen!

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[JUGEND] Powerpointkaraoke am Dienstag den 26.09.2017

Schon mal in der Schule/Uni ein Referat gehalten und absolut keine Ahnung gehabt, was du da eigentlich redest?
Perfekte Vorraussetzung! Wir laden euch herzlich zum dritten vielbunten Powerpoint-Karaoke ein.

Powerpoint-Karaoke ist eine humorvolle Variante des klassischen Karaoke. Hier wird weder gesungen, noch getanzt – hier wird geblufft, was das Zeug hält! Die Auftretenden stellen sich der Aufgabe, aus dem Stegreif kurze Powerpoint-Präsentationen zu wildfremden, zufällig ausgewählten Themen zu halten, die sie während ihres Auftritts das erste mal sehen. Peinliche Versprecher und Blackouts sind dabei vorprogrammiert. Vom neuen Taubenschutzkonzept der Deutschen Bahn über die Jahreshauptversammlung des Kleingärtner_innenvereins bis zur Vorstellung neuer Produkte, deren Sinn man frühestens auf Folie 4 selbst versteht, haben wir alles dabei. Für die besten Teilnehmer_innen gibt es zudem tolle Preise zu gewinnen.

Die Veranstaltung richtet sich an alle interessierten queeren Personen im Umfeld des vielbunt e.V. unter 27 Jahren.

Wann? 26.09.2017 – 20:15 Uhr
Wo? Queeres Zentrum Darmstadt, (Kranichsteiner Str. 81, 64289 Darmstadt)