Kategorie: AG Rainbow Refugees

  • LSBT*IQ-Flüchtlingsarbeit: Projekt Rainbow Refugees steht vor dem Aus.

    vielbunt e.V. und die AIDS-Hilfe Darmstadt e.V. unterstützen mit dem Projekt “Rainbow Refugees Darmstadt” seit 2015 LSBT*IQ Flüchtlinge in Darmstadt und den umliegenden Landkreisen. Dies betrifft auch Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen und in der Abschiebungshafteinrichtung Darmstadt-Eberstadt.

    Gemeinsam mit AIDS-Hilfen in anderen Städten wird so die flächendeckende Beratung und Begleitung von LSBT*IQ Flüchtlingen in ganz Hessen gewährleistet. Bieten psychosoziale Beratung, helfen bei Behördengängen, vermitteln rechtlichen Beistand, medizinische und psychotherapeutische Versorgung und ermöglichen den Zugang zur LSBT*IQ-Community. Darüber hinaus werden Asylsuchende im schwierigen Prozess des Asylverfahrens bei der Bearbeitung und Verarbeitung ihrer Fluchtgründe unterstützt. Trägern und Behörden im Asylbereich steht das Projekt als Partner zur Verfügung.  

    Diese dringend notwendige Arbeit wurde in den vergangenen Jahren vom Land Hessen gefördert.

    Gestern teilte der Landesverband der AIDS-Hilfe Hessen mit, dass das Hessische Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege die Förderung im kommenden Jahr komplett streicht.

    Somit lässt sich unsere Arbeit nicht mehr fortsetzen. Geflüchtete, die lesbisch, schwul, bi, trans und/oder queer sind, werden ab dem kommenden Jahr auf sich gestellt sein, wenn es um LSBT*IQ-spezifische Probleme und Fragen geht. Neue Asylsuchende, die vor Homofeindlichkeit und Transfeindlichkeit aus ihren Herkunftsländern geflüchtet sind, werden keine LSBT*IQ-Ansprechpersonen vorfinden, an die sie sich vertrauensvoll wenden können.

    Im Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD heißt es: “Wir wollen Einrichtungen und Projekte fördern und stärken, die […] durch Beratung, Aufklärung und Opferhilfe einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen Diskriminierung leisten. Ein Augenmerk gilt auch der Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und der LSBTIQ*-Community sowie Hassgewalt gegen diese.” – diese Worte passen nicht zum aktuellen Handeln der Landesregierung.

    Der queerpolitische Sprecher der SPD-Fraktion hat sich vor wenigen Tagen noch in Frankfurt davon überzeugt, wie bedeutsam die Arbeit für Rainbow Refugees ist. Besonders beunruhigend ist das Streichen dieser Unterstützungen, weil queere Geflüchtete von der im Koalitionsvertrag beschriebenen „echten Rückführungsoffensive“ nun umso härter betroffen sein werden. Obwohl sie in ihren Herkunftsländern unter Repressalien leiden und nicht selten vom Tode bedroht sind.
    Wir verurteilen diese Entscheidung sehr und blicken mit viel Sorge auf die Zukunft der Betroffenen. Weitere Informationen befinden sich in der Pressemitteilung der AIDS-Hilfe Hessen: https://www.aids-hilfe-hessen.de/de/nachricht/hessische-landesregierung-streicht-gelder-fuer-rainbow-refugee-support

  • Rainbow Refugees: Rückblick 2023

    Rainbow Refugees: Rückblick 2023

    Seit dem 1. Januar haben 48 Personen die persönliche Beratung von Rainbow Refugees Darmstadt aufgesucht.

    Hierunter elf Lesben und ein Transmann. Die Mehrheit bilden Schwule und bisexuelle Männer.

    Ein Großteil der Ratsuchenden kommt aus Ländern, in denen Homosexualität hart bestraft wird: Iran, Afghanistan, Nigeria, Somalia. Sie erhalten Unterstützung während des Asylverfahrens, Zugang zur LSBT-Community und Hilfe bei vielen anderen Fragen des Lebens in Deutschland.

    Dieses Jahr konnten zehn Asylverfahren mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen werden. Neun Männer und Frauen hoffen auf eine Einladung zur Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und in sieben Fällen steht derzeit die Entscheidung über den Asylantrag aus. In fünf Fällen, die abgelehnt wurden oder wo eine die Zuständigkeit eines anderen EU-Staats festgestellt wurde, müssen die Gerichte entscheiden.

    Hin und wieder melden sich auch junge Männer aus dem Abschiebegefängnis und bitten um Hilfe. In einem Fall konnte in Zusammenarbeit mit Diakonie und SKA eine Abschiebung nach Marokko verhindert werden. In vier Fällen fand eine Abschiebung ins Herkunftsland (Jamaika, Gambia und Irak) statt. In einem Fall wurde die Zuständigkeit eines anderen EU-Staates festgestellt und der Asylbewerber dorthin überstellt. Der Ausgang des neusten Falls ist noch offen.

    Rainbow Refugees Darmstadt lebt von Zusammenarbeit. Ohne die Kooperation von vielbunt und AIDS-Hilfe Darmstadt wäre das Projekt nicht möglich. Die Vernetzung über den Rainbow Refugee Support des Landesverbands der AIDS-Hilfe Hessen ist besonders wertvoll und ermöglicht einen guten Draht zu Landesbehörden. Auch die Zusammenarbeit mit Vereinen und Gruppen der Flüchtlingshilfe ebenso wie mit den Sozialdiensten in den Unterkünften und kommunalen Behörden ist oftmals sehr vertrauensvoll.

    Nicht zuletzt haben auch in diesem Jahr zahlreiche Geld- und Sachspenden viel bewirkt. Wer im Winter ankam, konnte schnell mit warmer Kleidung versorgt werden und einige „Rainbow Refugees“ fahren täglich mit ihrem ersten eigenen Fahrrad zum Deutschkurs.

  • Standpunkt von vielbunt e.V. zur geplanten Verschärfung des Asylsystems: Ein Aufruf zur Vernunft

    Die geplante Ausweitung der Liste sicherer Herkunftsstaaten um Länder wie Georgien und Moldau trifft uns auch regional, da wir in Hessen queere Geflüchtete aus Georgien beherbergen. Der Bundestag wird am heutigen Donnerstag einen Gesetzentwurf beraten, der auch vom Innenausschuss des Bundesrates unterstützt wird, um weitere Staaten wie die Maghreb-Staaten, Armenien und Indien in diese Liste aufzunehmen.

    Wir haben uns der Stellungnahme des LSVD angeschlossen, der die ernsten Konsequenzen dieser politischen Bewegung hervorhebt. Eine solche Ausweitung der Liste würde die Rechte und das Wohl von LSBTIQ*-Asylsuchenden erheblich gefährden.

    Die Einstufung dieser Länder als „sicher“ ist irreführend und gefährlich, insbesondere für LSBTIQ*-Asylsuchende aus diesen Ländern, da die Regierungen dieser Staaten nicht in der Lage oder nicht willens sind, ihre LSBTIQ*-Bürger vor Verfolgung zu schützen. In den Maghreb-Staaten, Ghana und Senegal drohen LSBTIQ*-Personen mehrjährige Haftstrafen. Auch in Georgien und Moldau fehlt ein wirksamer Schutz für Angehörige sexueller und geschlechtlicher Minderheiten, was die Argumentation für ihre Aufnahme in die Liste der sicheren Herkunftsstaaten stark in Frage stellt.

    Die vollständige Stellungnahme des LSVD, der wir uns angeschlossen haben, ist hier zu finden. Wir fordern eine überlegte und menschenrechtsorientierte Asylpolitik, die die Bedrohung von LSBTIQ*-Personen anerkennt.

  • Rainbow Refugees mit dem Darmstädter Impuls-Preis ausgezeichnet

    Wir sind stolz darauf, bekannt geben zu können, dass das Projekt Rainbow Refugees am 30. März mit dem Darmstädter Impuls-Preis ausgezeichnet wurde. Die Entega-Stiftung ehrte die Arbeit und das Engagement für queere Geflüchtete in der Region. vielbunt bedankt sich bei der Entega-Stiftung für ihre Unterstützung und Anerkennung. Dank gilt auch besonders Stefan Kräh für seinen unermüdlichen Einsatz für Rainbow Refugees in Darmstadt.

    Das mit der Auszeichnung verbundene Preisgeld in Höhe von 20.000 € kommt direkt dem Projekt Rainbow Refugees zugute. Ein besonderer Höhepunkt der Veranstaltung war die Präsentation eines Kurzfilms, der einen Einblick in das Projekt und die Erfahrungen der beteiligten Personen bot.

    Auf der Bühne sagte Stefan Kräh: „Das zeigt mir, dass das Thema Flucht und Vertreibung, auch wenn es jetzt schon seit Jahren irgendwie virulent ist, nicht untergegangen ist. In 70 Nationalstaaten der Erde wird Homosexualität unter Strafe gestellt und die Menschen kommen deshalb hier nach Darmstadt. Genau deswegen mache ich die Arbeit.“

    Sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten drohen in vielen Teilen der Welt Disrkriminierung, Verfolgung und Gewalt. Die Menschen kommen nach Europa, weil sie in ihren Herkunftsländern kein freies Leben führen können. Scham und Schuldgefühle führen oftmals dazu, dass sie vor deutschen Behörden ihren wahren Fluchtgrund nicht aussprechen können und ihr Asylantrag abgelehnt wird. Das Projekt Rainbow Refugees unterstützt Asylsuchende vor der Anhörung und ermutigt sie, offen über das zu sprechen, was in ihren Herkunftsländern geschieht. Auch bei anderen Problemen wie etwa Konflikten in der Unterkunft, zur Integration oder bei drohenden Abschiebungen leistet Rainbow Refugees Unterstützung und steht Betroffenen bei.

    Die Solidarität innerhalb der queeren Community ist auch auf internationaler Ebene von großer Bedeutung. Inspiriert und motiviert durch die Auszeichnung möchten wir auch in Zukunft die Lebenssituation von queeren Geflüchteten nachhaltig verbessern und uns für ihre Belange einsetzen.

    https://www.youtube.com/watch?v=vngV01HOcWc
  • Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Geflüchtetenarbeit

    Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Geflüchtetenarbeit

    Zeit
    28.10.2021 von 9:30 bis 16:00 Uhr


    Ankommen
    9:30 bis 10:00 Uhr


    Ort
    Justus-Liebig-Haus Darmstadt,
    Große Bachgasse 2, 64283 Darmstadt


    Die Veranstaltung findet unter den dann geltenden Auflagen zum Schutz vor einer Infektion mit Corona statt. Sollte es das Infektionsgeschehen nicht erlauben, sich vor Ort zu treffen, wird eine digitale Alternative angeboten. Dies wird rechtzeitig im Vorfeld kommuniziert.

    Zielgruppe
    Hauptamtliche und Ehrenamtliche in der Geflüchtetenarbeit von Behörden, Sozialdiensten, Vereinen und medizinischen Diensten in Unterkünften, Beratungsstellen etc. sowie andere Interessierte.


    Zur Anmeldung schreiben Sie bitte bis zum 21.10.2021 eine E-Mail mit Ihrem bevorzugten Workshop an leon.reinel@darmstadt.de.


    Das Grußwort sprechen Oberbürgermeister Jochen Partsch sowie der Erste Vorsitzende von vielbunt e.V., Alexander Arnold. Die Teilnahme ist kostenlos. Getränke und Speisen müssen jedoch vor Ort gezahlt werden.

    Ablauf

    Vortrag: Queer Refugees – Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Geflüchtetenarbeit

    Im Vortrag wird Basiswissen zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt vermittelt und über die rechtliche, politische und soziale Situation von LSBT*I-Geflüchteten in Deutschland und in den Herkunftsländern aufgeklärt. Auch werden in dem Vortrag Handlungs- und Verweisungskompetenzen im Umgang mit LSBT*I-Geflüchteten dargestellt.

    Lilith ist eine trans*Rechte- Aktivistin mit Migrationserfahrung. Seit 2015 setzt sie sich für die Rechte von LSBT*I-Geflüchteten und Asylbewerbern in Deutschland ein. Seit November 2017 arbeitet sie für das deutschlandweite LSVD e. V.-Projekt „Queer Refugees Deutschland“.

    Workshop I: LSBT*I – Geflüchtete bedarfsgerecht unterbringen und schützen
    LSBT*I-Geflüchtete müssen nach ihrer Ankunft in Deutschland in kürzester Zeit Informationen über ihre Schutzrechte erlangen und sich gegenüber Behörden öffnen. Gleichzeitig sind sie in Sammelunterkünften untergebracht, die einen besonderen Angst- und Gefahrenraum darstellen. Der Workshop gibt eine Einführung in die Rahmenbedingungen für die Aufnahme und Unterbringung LSBT*I-Geflüchteter in Deutschland und vermittelt praktische Handlungsempfehlungen für den Gewaltschutz in der Unterbringung.

    Alva Träbert ist Soziologin und Genderhistorikerin (Msc). Bei der Rosa Strippe e.V.  berät sie LSBT*I-Geflüchtete und schult Mitarbeitende der Geflüchtetenhilfe in der Umsetzung des besonderen Schutzbedarfs LSBT*I. Mit der BAfF erarbeitet sie im Modellprojekt BeSAFE ein Konzept zur frühzeitigen Identifizierung besonders schutzbedürftiger Geflüchteter.

    Workshop II: LSBT*I – Geflüchtete sensibilisiert unterstützen und betreuen
    Der Workshop beginnt mit einer Einführung in die Situation von LSBT*I Geflüchteten in ihren Herkunftsländern und bei Ankunft im Aufnahmeland Deutschland. Anschließend werden die besonderen Herausforderungen besprochen, denen LSBT*I Geflüchtete in Asylverfahren und Integration gegenüberstehen. LSBT*I Geflüchtete bleiben oft unerkannt, was ihre geschlechtliche oder sexuelle Identität betrifft, aus Angst, diese öffentlich zu machen. Ihre besonderen Bedarfe sind häufig nicht bekannt und werden in der Arbeit mit Geflüchteten nicht mitgedacht. Ziel des Workshops ist es, gemeinsam Handlungsempfehlungen und Praxistipps zur Unterstützung und bedarfsgerechten Betreuung dieser vulnerablen Gruppe zu erarbeiten.

    Knud Wechterstein und Mark Hayward arbeiten bei der AHF (Aids-Hilfe Frankfurt e.V.) im Rahmen des Projektes Rainbow Refugee Support in der ambulanten Beratung von LSBT*I Geflüchteten.

    Nur einer der Workshops kann besucht werden. Bitte teilen Sie uns Ihren Favoriten in der Anmeldung mit.

    Der Fachtag ist eine Kooperationsveranstaltung der Wissenschaftsstadt Darmstadt und des LSBT*IQ Netzwerkes Südhessen sowie dem Projekt Rainbow Refugees von vielbunt e.V.

  • Fünf Jahre Asylberatung – Online Vortrag von Rainbow Refugees Darmstadt

    Fünf Jahre Asylberatung – Online Vortrag von Rainbow Refugees Darmstadt

    Ende 2015 stiegen Kooperation Asyl und das Büro für Sozial-und Wohnberatung (BFSW) zusammen in die Asylberatung ein. Anlässlich dieses Jubiläums finden Themenwochen mit Netzwerkpartner_innen, Ehrenamtlichen und Engagierten, sowie Interessierten statt. In der Online-Vortragsreihe mit anschließendem Austausch teilen und reflektieren viele Referent_innen aus verschiedenen Bereichen ihre Erfahrungen.

    Auch unser Unterstützungsangebot Rainbow Refugees wird mit einem Beitrag vertreten sein: „Das Projekt Rainbow Refugees berät und begleitet lesbische, schwule, bisexuelle und transidente Asylsuchende. Stefan Kräh berichtet aus der praktischen Arbeit zu den besonderen Lebenslagen und Bedarfen der Zielgruppe.“

    Der Vortrag ist frei zugänglich und man kann einfach reinschauen:

    Donnerstag, 04.02.2021 um 17:00 –18:00 Uhr
    https://h-da-de.zoom.us/j/93908324169
    Meeting-ID: 939 0832 4169
    Kenncode: 052546

    Weitere Informationen und Themen finden sich im Flyer:

  • Emile soll nicht abgeschoben werden!

    Am heutigen Montag, den 26. März wurde ein von uns betreuter schwuler Mann aus Nigeria überraschend von der Polizei aus der Darmstädter Erstaufnahme mitgenommen und zur Abschiebung geführt. Über mehrere Stunden wussten weder wir noch sein Partner, mit dem er gemeinsam die Flucht nach Europa angetreten hatte, wo er sich befindet, wohin er gebracht wird und wie es ihm ging.

    In Nigeria ist Homosexualität illegal. Das Strafgesetz sieht eine Gefängnisstrafe von bis zu 14 Jahren vor, in den nördlichen Bundesstaaten droht mit der Schari’a zudem die Todesstrafe (Tod durch Steinigung).  Selbst die Betätigung in Gruppen, die sich für Gay Rights oder HIV-Prävention einsetzen, wird mit bis zu 5 Jahren Haft bestraft. Amnesty International berichtet, dass im Sommer letzten Jahres 42 Personen verhaftet wurden, weil sie bei einem HIV-Interventionsprogramm teilgenommen haben. Die Betroffenen wurden nicht nur durch die Behörden bestraft, sondern auch von der Polizei den Medien vorgeführt. Diese öffentliche Bloßstellung kommt einer Freigabe zum Abschuss gleich. Die nigerianische  Bevölkerung ist extrem homofeindlich eingestellt und sieht sich nicht zuletzt durch staatliche und religöse Ächtung sexueller Minderheiten zur Lynchjustiz berechtigt.

    Da sie diese Zustände nicht mehr aushalten konnten, sind Fabrice und Emile* aus Nigeria geflüchtet. Sie haben sich als Paar entschieden, ihre Heimat zu verlassen, um in Deutschland frei und sicher leben zu können. Sie wünschten sich ein Leben, in dem man sie für ihre Liebe weder verachtet, noch einsperrt oder tötet. emile

    Die beiden jungen Männer sind im Winter in Darmstadt angekommen und haben sich sofort bei vielbunt gemeldet.  In mehreren Treffen konnten wir sie kennenlernen, ihnen beim Ankommen in Darmstadt weiterhelfen. Bei Unsicherheiten standen wir ihnen zur Seite und so manche Ängste konnten wir ihnen nehmen. Auch wenn sie sich gerade erst in der Erstaufnahmeeinrichtung befanden, haben wir dennoch sehr gehofft, dass ihre Anhörung zu einem positiven Ergebnis führt und beide in Deutschland, bestenfalls bei uns in Darmstadt bleiben können. vielbunt hat seit 2015 sehr viele LSBT Geflüchtete und deren Schicksale kennengelernt. Dennoch ist die Aussicht darauf, dass Menschen in Länder abgeschoben werden, in denen sie keine Zukunft haben und um ihre Sicherheit bangen müssen, für uns jedes Mal schockierend.

    Die Polizei kam um 5.00 Uhr morgens

    Ebenso erschreckend ist die Art und Weise, wie im Asylverfahren mit Geflüchteten insgesamt und LSBT Geflüchteten im Speziellen umgegangen wird.  Emile und Fabrice haben, kaum in Deutschland angekommen, sofort einen Ablehnungsbescheid erhalten. Eine Darstellung ihrer Fluchtgründe und ihrer individuellen Biografien war nicht möglich. Die Tatsache, dass sie als Schwule besonderer Verfolgung ausgesetzt sind, wurde schlicht nicht berücksichtigt.  Die beiden mussten sich einen Anwalt nehmen und sofort Widerspruch gegen diese pauschale und ungerechtfertigte Ablehnung einlegen.

    Heute früh um 5.00 Uhr kamen insgesamt vier Polizeibeamte in die Erstaufnahmeeinrichtung in Darmstadt um Emile abzuholen. Sie klopften an und betraten ohne abzuwarten das Zimmer. Sie fragten, wer von den Anwesenden Emile sei und teilten ihm mit dass er unverzüglich nach Italien abgeschoben wird. Er hatte zwei Minuten Zeit, um seine Sachen zusammenzusuchen. Ihm wurde nicht erlaubt, sich von seinem Partner Fabrice zu verabschieden. Ihm wurde auch zunächst nicht gestattet, seinen Anwalt zu kontaktieren. Dann ging es weiter zum Polizeirevier Darmstadt. Bevor er das Gebäude betreten durfte, wurden Emile Handschellen angelegt. Auch im Polizeirevier war er die ganze Zeit an einen Stuhl gefesselt. Hier wurde ihm dann gestattet, seinen Anwalt anzurufen, den er um diese Uhrzeit nicht erreichen konnte. Im Polizeirevier wurde Emile auch sein Handy abgenommen. Dann wurde er an den Flughafen gebracht und dort wieder in Handschellen gelegt. Als er das Flugzeug betrat, sagte Emile laut, dass er nicht freiwillig nach Italien fliegen will. Daraufhin wurde ihm von den Polizeikräften gedroht, dass er ins Gefängnis müsse, wenn er nicht fliegt.

    Der Pilot bot an, Emile ein Ticket nach Darmstadt zu kaufen. Denn mitnehmen wollte er ihn nicht.

    Die Polizei hat Emile daraufhin wieder mitgenommen und ohne ein weiteres Wort am Darmstädter Hauptbahnhof abgesetzt. Seine noch gültige Aufenthaltsgestattung wurde ihm von der Polizei nicht wieder ausgehändigt.

    In der ganzen Zeit konnten wir Emile nicht erreichen. Genauso wie  Fabrice wussten wir nicht, wie es Emile geht, wo er sich befand und wohin man sich wenden soll. Fabrice war verzweifelt und wir können ihm nicht helfen.
    Nachdem man ihm sein Handy abgenommen hat, konnten weder sein Anwalt, noch seine Sozialarbeiter_innen oder wir Emile erreichen. Niemand konnte ihm raten, nicht in das Flugzeug zu steigen. Das hätten wir nämlich auf jeden Fall getan. Nur durch Emiles mutigen passiven Widerstand und das resolute Agieren des Piloten konnte diese Abschiebung abgewandt werden!

    Alle Rainbow Refugees die wir betreuen und begleiten, kommen aus Ländern in denen sie wegen ihrer Homosexualität um ihre Sicherheit fürchten müssen. Wir wollen niemanden in ein solches Leben zurück gehen lassen. Eine Abschiebung nach Italien würde uns die Chance nehmen, uns mit unseren ohnehin geringen Handlungsmöglichkeiten für Emile einzusetzen.

    Flucht ist kein Verbrechen

    Und auch für uns stellt sich nun ein Gefühl der Hilflosigkeit ein. Dabei sind wir die, die Unterstützung und Halt bieten sollten.

    Wir verurteilen die skandalöse Art und Weise, wie mit den Menschen verfahren wird, denen in ihren Herkunftsländern soziale Ächtung, Gefängnis und Tod drohen. Wir stellen uns gegen eine Asylpolitik, die vor allem auf Ablehnungsbescheide und Abschiebungen fokussiert ist, statt auf individuelle Schicksale und Fluchtursachen. Jeder Mensch, der Schutz in Deutschland sucht, verdient ein faires Verfahren, in dem er seine Fluchtgründe und seine persönliche Biografie darstellen kann. Egal woher er kommt und über welches Land er eingereist ist.

    Wir verurteilen ebenso die überfallartigen Abschiebe-Kommandos, die Menschen in ihren Unterkünften aus den Betten holen und wie Kriminelle abführen.  Flucht ist kein Verbrechen!

    Emile und Fabrice, zwei junge Männer von 23 und 22 Jahren haben als Paar eine gefährliche Flucht nach Europa auf sich genommen, die viele Menschen nicht überlebt haben. Sie sind mit einem Boot in Italien angekommen und haben es bis nach Deutschland geschafft, weil sie sich gegenseitig hatten. Auch in Darmstadt gab es nur Emile und Fabrice. Sie hatten nur sich.
    Wir verurteilen das grausame Auseinanderreißen von Paaren und (Wahl-)Familien. Unsere Leute brauchen sich!

    Uns bleibt keine Zeit, den Schock zu verarbeiten. Wir sind heute zum ersten Mal unmittelbar mit der Abschiebung eines von uns betreuten Rainbow Refugees konfrontiert.  Auch wenn Emile jetzt gerade wieder zurück gekommen ist, wissen wir, dass er jederzeit wieder abgeholt werden kann.

    Wir stehen vergleichsweise hilflos da, können momentan weder Trost noch Rat bieten. Dabei ist auch das eine unserer wichtigsten Aufgaben als Rainbow Refugee Supporter.
    Wir haben vor zwei Jahren begonnen, LSBT Geflüchtete in Darmstadt und Umgebung zu unterstützen. Wir sind fest entschlossen, alles dafür zu tun, dass unsere Leute bleiben können. Mit dem heutigen Tag noch mehr denn je!

    Wir bitten alle, die wissen wie man hier konkret helfen kann, sich bei uns zu melden.

    Kontakt:
    Stefan Kräh
    vielbunt e. V. | Rainbow Refugees Darmstadt

    0176-62573994
    stefan.kraeh@vielbunt.org

     

     

     

    *  Namen geändert, um die Sicherheit der Betroffenen nicht zu gefährden.