Redebeiträge von vielbunt auf der Demo „Querdenken entgegentreten“

Jan Bambach:
Liebe Menschen, es ist nicht selbstverständlich, dass wir hier heute stehen. Dass wir hier heute in dieser großen Anzahl stehen können, wurde möglich gemacht durch eine eigentlich sehr korrekte Politik, was das Eindämmen des Corona-Virus in Deutschland betrifft. Wir können uns wirklich sehr glücklich schätzen. Schauen wir uns doch die Länder um uns herum an. Österreich. Schweden. Tschechien. Frankreich. Spanien. Holland. Polen. Menschen aus diesen Ländern sind aktuell wirklich neidisch auf uns, denn wir sind hochgerechnet auf die Einwohner*innenzahlen ziemlich gut davon gekommen.

Foto: Falk Fleischer

Hat unsere Regierung in den letzten Monaten wirklich alles richtig gemacht? Vielleicht nicht, aber diese Frage möchte ich heute auch nicht klären. Natürlich darf man darüber auch gerne diskutieren und Sachen hinterfragen. Wissenschaftlich fundiert mit Argumenten. Was hier drüben bei den Menschen von Querdenken passiert, ist das genaue Gegenteil.

Wir sehen und hören Fake News, die einfach nur Entsetzen auslösen sollen. Fake News, die Menschen in Angst versetzen sollen. Fake News, die Menschenleben gefährden.

Wie weit entfernt von Solidarität kann man eigentlich sein? Wie weit entfernt von der Realität kann man nur sein? Wie sehr kann man sich von unserer Demokratie abwenden? Wer demokratisch gewählte Vertreter*innen des Volkes bedroht, indem man ihnen gebrauchte Mund-Nasen-Masken in einem Paket schickt mit dem Hinweis “mit infizierenden Grüßen” und dabei in Kauf nimmt, dass eine potentiell tödliche Ansteckung erfolgt, ist maximal weit von all dem entfernt.

Jetzt kann man natürlich die berechtigte Frage stellen, weshalb sich ausgerechnet die queere Community dagegen ausspricht. Ganz einfach: das letzte Mal, als jenes Gedankengut nicht nur rausposaunt, sondern auch ausgelebt wurde, wurden im gleichen Kontext homosexuelle Menschen mit dem rosa Winkel versehen.

Das ist jetzt keine Übertreibung. Wer sich die Facebook-Gruppen anschaut, in denen sich die Querdenken-Menschen tummeln, wird schnell fündig: Verschwörungsgeschwurbel, welches sich dem antisemitischen Weltbild bedient. Als “Verschwörungstheorie” kann man ja sowas nicht mehr bezeichnen, mit einer wirklich wissenschaftlichen Theorie hat das nichts mehr zu tun. Aber wer in diesen Gruppen nach dem Wort “Soros” sucht, wird antizionistische und/oder antisemitische Positionen sehr schnell finden. Es ist Antisemitismus unter dem Deckmantel von etwas, das sich dort “lateral denken” nennt. Aber das hat nichts mit lateralem Denken zu tun – wer beim Denken auf solche Sachen kommt, hatte nicht nur viel Pech beim Denken, ist nicht nur mental mehrfach falsch abgebogen, sondern fährt auch mit der aktivierten geistigen Zentralverriegelung durchs Leben.

Die queere Community spricht sich gegen sowas aus, weil sie es muss. Sie ist ebenfalls im Visier von Querdenken. Siehe in Österreich, wo im September in der Öffentlichkeit eine Regenbogenfahne zerrissen wurde, während man versucht hat, Homosexualität und Pädophile in einen Zusammenhang zu bringen. Das ist nicht quer, sondern rückwärts gedacht – und zwar mehrere Jahrzehnte rückwärts.

Dann haben wir noch den speziellen Fall hier in Darmstadt, wo Regenbogenfahnen direkt neben den Reichsbürgerfahnen eine Zeit lang genutzt wurden, um Menschen anzulocken, einen bürgerlichen Eindruck zu erwecken. Ich erinnere mich noch an die Fragen danach: “Hey, ich habe eine nett wirkende Demo in der Innenstadt gesehen, mit Regenbogenfahnen (und Reichsbürgerfahnen), war denn wieder CSD?” – es ekelt mich an! Eine Gruppe, die nicht nur Jüd*innen, Muslim*innen, Ausländer*innen, sondern auch queere Menschen abgrundtief hasst, bedient sich an deren Symbole, um diesen Hass weiter zu verbreiten. Das ist kalt, das ist herzlos, das ist bösartig.

Natürlich hassen sie queere Menschen. Das ist in deren Telegram-Gruppen schnell ersichtlich – Homosexualität oder Transsexualität kommen da als Worte meist nur im selben Satz wie das Wort „Pädophile“ vor. „Gender“ kommt nur dann vor, wenn man sich mit der stark queerfeindlichen Gruppe der sogenannten „Demo für alle“ solidarisiert und zur Teilnahme an ihren Aktionen gegen Akzeptanz, Vielfalt und die Ehe für Alle einladen. Wie zuletzt in Erfurt.

Was passiert, wenn wir tatsächlich lateral denken und darüber aufklären? Wir haben es bei vielbunt probiert. Auf unserer Facebook-Seite haben wir eine Stellungnahme veröffentlicht, dass wir uns von der Verwendung der Regenbogenfahne als Symbol der queeren Bewegung auf solch einer menschenfeindlichen Demo distanzieren. Es folgten Drohungen und Beleidigungen vom feinsten. Das hat dazu geführt, dass unsere Handys einen Abend lang nicht mehr still standen. Queerfeindliche Attacken im Sekundentakt – der Auslöser? Michael Ballweg, der Querdenken-Prophet und Gründer von Querdenken Stuttgart, der dazu aufgerufen hatte, bei uns Kommentare zu hinterlassen.

Wir müssen bei Querdenken nicht aktiv nach queerfeindlichen Inhalten suchen. Sie spielen sie uns aktiv zu. 

Corona wird irgendwann vorbei gehen. Irgendwann laufen wir wieder ohne Masken herum. Die Kernargumente von Querdenken werden entkräftet. Doch ihre Strukturen und Vernetzungen bleiben. Ihr Hass bleibt. Dagegen müssen wir angehen.

Wir müssen unsere Stimmen erheben – jetzt und insbesondere nach Corona. Nicht nur hier, sondern auch abseits vom Karolinenplatz. Vielleicht sprechen wir beim Abendessen mit Familienmitgliedern darüber, was diese Menschenfeindliche Gruppierung so alles tut.

Wir alle können was zu solch einer besseren Gesellschaft beitragen. Aufklären. Dafür sorgen, dass Menschen nicht quer denken, sondern in erster Linie korrekt denken. Vielen Dank!


Benedikt Freitag:

Liebe Mitmenschen,
heute stehen wir zusammen, um ein Zeichen für die Demokratie, ein friedliches Miteinander und die Anerkennung wissenschaftlicher Arbeiten zu setzen.

Seit vielen Jahren gehen Menschen mit Regenbogenfahne auf die Straße, um für bestimmte Werte einzustehen: Toleranz, Freiheit, Anerkennung, Respekt, Akzeptanz, Vielfalt, Rechte queerer Menschen!

Als am 30. Juni 2017 in der Tagesschau verkündet wurde, dass der Bundestag die Ehe für alle beschlossen hat, musste ich 2 Stunden vor Freude weinen.

Es hat für mich insbesondere bedeutet, dass ich einmal auf legalem Wege in Deutschland Kinder bekommen könnte.

Foto: Falk Fleischer

Nun ziehen Menschen mit Regenbogenfahnen über die Straße, die gegen all das stehen und einen bereits jahrzehntelang veralteten Strukturkonservatismus vertreten.

Ein Strukturkonservatismus, der ein rein heterosexuelles und cis-geschlechtliches Familienbild zeichnet, sich vor moderner Medizin verschließt und Medien angreift.

Wir erinnern uns noch gut an die AfD-nahe „Demo für alle“ mit ihrem sogenannten „Bus der Meinungsfreiheit, welche gegen die Ehe für alle mobilisiert hat und Schriftzüge wie „schützt unsere Kinder“ oder „Kindesmissbrauch bekämpfen“ ziert.

Die personellen Überschneidungen von „Querdenken“ zur „Demo für alle“ sind groß und nicht zu leugnen. Dieselben Personen, die queere Menschen als pädophil verunglimpft und gegen die staatliche Anerkennung queerer Lebensweisen gekämpft haben, tragen nun Regenbogenfahnen und behaupten, sie seien queerfreundlich. Entschuldigung, aber wir lassen uns nicht für dumm verkaufen!

Heute gehen auch andere Menschen mit Regenbogenfahnen auf die Straße: sie sind Impfgegner*innen, verbreiten Verschwörungstheorien, haben teilweise sogar Reichs- und Preußenflaggen dabei.

Sie sagen, die Regenbogenfahne stehe für die freie Meinungsäußerung. Was sie tun ist aber vor allem eins: eine Respektlosigkeit gegenüber allen queeren Aktivist*innen der Gegenwart und Vergangenheit. Mit dieser Flagge wurde für Gleichberechtigung gekämpft, aber jetzt sieht man sie neben genau den Menschen, mit denen die queere Community wirklich nichts zu tun haben möchte.

Wie oft wurden wir als vielbunt-Menschen gefragt, ob wir gegen Corona-Maßnahmen demonstrieren würden. Bei dem Gedanken, dass man uns wegen der missbräuchlichen Verwendung der Regenbogenfahne mit diesen Leuten verwechseln kann, wird einem fast schlecht!

Zu sehen, dass sich zehntausende Menschen aus der vermeintlich gesellschaftlichen Mitte ohne Gewissensbisse neben Nazis stellen, versetzt mich als queeren Menschen in Angst!

Wer mit Nazis auf die Straße geht und mit ihnen für die gleiche Sache kämpft, muss damit rechnen, mit diesen in Verbindung gebracht zu werden. Es liegt am einzelnen Menschen, sich von bestimmten Dingen abzugrenzen! Sich nicht abzugrenzen, ist auch eine bewusste Entscheidung!

Seit Jahrzehnten gehen Menschen auf die Straße, um für die Rechte queerer Menschen zu kämpfen – das ist ein sehr anstrengender, mühsamer Prozess mit Ergebnissen in kleinsten Schritten.

Ich werde nicht schweigend zusehen, wie diese Menschen die Regenbogenfahne missbrauchen, um die hart erkämpften Rechte queerer Menschen mit Füßen zu treten!

Noch ein paar Worte Richtung Querdenken:

Masken trage ich nicht, um mich selbst zu schützen, sondern um andere zu schützen.

Wer bewusst das Risiko eingeht, andere Menschen mit einer eventuell tödlich ausgehenden Krankheit anzustecken, ist für mich vor allem eins: menschenfeindlich!