Bericht: 8. „Demo für Alle“ in Stuttgart

vielbunt leistet Widerstand gegen die 8. „Demo für Alle“ am 11.10.2015 in Stuttgart

Am 11. Oktober fand in Stuttgart zum achten Mal die „Demo für Alle“ statt.
Hierbei handelt es sich um eine ultrakonservative bis rechtsradikale Bewegung, die sowohl religiöse Fundamentalist_innen als auch Anhänger_innen verfassungsfeindlicher Gruppierungen in sich vereint. Mit den Schlagworten „Frühsexualisierung“ und „Gender-Wahnsinn“ wird vorgeblich gegen Schulaufklärung und die Baden-Württembergische Bildungsplanreform demonstriert, ebenso spricht sich die „Demo für Alle“ gegen die Gleichberechtigung von gleichgeschlechtliche Partnerschaften aus. Aus den Reihen der Demonstrationsteilnehmer_innen sind zudem offener Hass gegen Schwule, Lesben, Trans*, Frauen, Migrant_innen und andere Minderheiten zu vernehmen.

Um sich dieser wachsenden Bewegung von mittlerweile 5000 Menschen entgegen zu stellen, hat vielbunt eine Busreise nach Stuttgart organisiert. Beinahe 50 Menschen sind am frühen Sonntagmorgen von Darmstadt aus zur Gegenveranstaltung gefahren. Es fanden Kundgebungen an zwei Orten, organisiert von zwei verschiedenen Aktionsbündnissen, statt. Einen Redebeitrag durfte auch unser Mitglied Rosa Opossum halten. Ebenso gab es lautstarken Protest am Rand des Marsches der 8. „Demo für Alle“.

Am Ende des Tages sind trotz kleinerer Zwischenfälle alle Teilnehmenden gesund wieder in Darmstadt angekommen.
Der Widerstand gegen die „Demo für Alle“ erwacht nur sehr langsam. Wäh8. "Demo für Alle"rend bis zuletzt nur wenige Menschen mobilisiert wurden, fanden sich zum Gegenprotest diesmal immerhin über 1000 Menschen zusammen.
Wir werden in jedem Fall auch die 9. „Demo für Alle“ wieder kritisch begleiten und mit mindestens einem Bus anreisen. Nötigenfalls so lange, bis es keine „Demo für Alle“ mehr gibt.

Hier noch ein persönlicher Bericht eines jungen Teilnehmers unserer vielbunten Reisegruppe und einige Beobachtungen.

Vielen Dank!

Erfahrungsbericht:
„Meinem Freund wurde ins Gesicht gespuckt.“

„Ich denke ich kann sagen, dass die Gegendemonstration zur „Demo für Alle“ alles in allem ein Erfolg war. Ich glaube es ist relativ klar geworden, dass wir von der zynischen Strategie der “Demo für Alle” gegen Schwule, Lesben usw. zu hetzen nicht viel halten.

Ich will nun aber zu meinen persönlichen Erfahrungen kommen. Und zwar begab es sich, dass ich mit meinem Freund und noch einem Mitdemonstranten von uns am Rand des Demonstrationszuges der „Demo für Alle“ stand und mit einem Plakat demonstrierte.

Das erste Bemerkenswerte was geschah war, dass sich ein etwa 16- bis 17-jähriger Junge näherte und uns ansprach. Im Laufe des Gespräches fragte ich ihn was denn seine Argumente gegen den Bildungsplan der Baden-Württembergischen Regierung sei. Darauf antwortete er mit einem Argument: Er sagte sinngemäß, dass die Schulbücher in Zukunft zu schwierig zu lesen seien wenn man die einzelnen Geschlechter beachten würde. Dieser Umstand war noch relativ amüsant, weil ich mir denken konnte: Wenn das für dich ein Grund ist, bei einem solchen Theater mit zu machen dann…

Was einige Minuten später darauf folgte war jedoch weniger amüsant. Mein Freund wurde auf einmal von einem glatzköpfigen Mann in einem grauen Kapuzenpulli ins Gesicht gespuckt. Zu diesem Zeitpunkt war übrigens kein Polizist in ausreichender Nähe. Das zog ihn ziemlich herunter. Bis zu dem Punkt, an dem er es nicht mehr ertrug, neben dem Zug der “Demo für Alle” zu stehen und in die teils grimmigen, teils bösen Gesichter der Demonstranten zu schauen. Aber das Interessanteste daran war die Reaktion einer älteren Dame, die wir darauf aufmerksam gemacht haben, dass mein Freund gerade von einem ihrer Mitdemonstranten angespuckt wurde. Sie sagte, sie könne sich das nicht vorstellen und ging weiter. Das ist natürlich sehr interessant weil mir das zeigt, dass die Menschen in der “Demo für Alle” teilweise wohl gar nicht wissen, mit wem sie da zusammen demonstrieren.

Aber die Demo fand zum Glück auch für meinen Freund noch ein schönes Ende. Dann als wir das Transparent sahen, das von der Oper in über den Köpfen der “Demo für Alle” entfaltet wurde, fasste er wieder Mut und war wieder glücklich. Ich habe mich ganz besonders gefreut, dass die Oper eine so tolle Aktion auf die Beine gestellt hat, weil mir das einmal mehr zeigt, dass der gebildete Teil unserer Gesellschaft hinter uns steht und das unsere Anliegen unwiderlegbar die richtigen sind und sich am Ende durchsetzen MÜSSEN.“

Beobachtungen:
Die Polizei hat „Demo Für Alle“ Teilnehmer gewarnt, dass es gefährlich sei, sich den Gegendemonstranten zu nähern.

Bei unserem Aufenthalt in Stuttgart sind wir mehrfach auf Tuchfühlung mit den Teilnehmern der „Demo für Alle“ gegangen und haben viele Gespräche geführt.

Zu hören haben wir bekommen:

„Homosexualität ist nicht natürlich.“

„Ich hatte in der vierten Klasse einmal Sexualkunde, das reicht doch.“

„Homosexuelle sind weniger als 2% der Bevölkerung, warum sollte so ein Randthema überhaupt in der Schule erwähnt werden?“

„Missbrauch von Kindern in der Kirche gibt es nicht, aber die Grünen sind das Problem! Die wollen Sex mit Kindern erlauben.“

„Vater Mutter Kinder, Familien vor!“

Etwas anderes wollten diese Menschen nicht hören, jegliche Argumente wurden angezweifelt.

Die Polizei hat die Gegendemonstranten immer wieder dämonisiert und „Demo Für Alle“ Teilnehmer gewarnt, dass es gefährlich sei, sich den Gegendemonstranten zu nähern. Teilnehmer der „Demo für Alle“  haben sich bei der Polizei bedankt, dafür, dass sie sie beschützt. Ein Polizist sagte daraufhin „gerne, sehr sehr gerne!“.

Es ist uns sehr klar geworden, dass die „Demo Für Alle“ Veranstalter einen virtuellen Feind aufgebaut haben und eine nicht existente Bedrohungslage suggerieren. Es scheint zu gelingen, Menschen an sich zu binden, um mehr Einfluss zu bekommen.