Schlagwort: queer rights

  • Emile soll nicht abgeschoben werden!

    Am heutigen Montag, den 26. März wurde ein von uns betreuter schwuler Mann aus Nigeria überraschend von der Polizei aus der Darmstädter Erstaufnahme mitgenommen und zur Abschiebung geführt. Über mehrere Stunden wussten weder wir noch sein Partner, mit dem er gemeinsam die Flucht nach Europa angetreten hatte, wo er sich befindet, wohin er gebracht wird und wie es ihm ging.

    In Nigeria ist Homosexualität illegal. Das Strafgesetz sieht eine Gefängnisstrafe von bis zu 14 Jahren vor, in den nördlichen Bundesstaaten droht mit der Schari’a zudem die Todesstrafe (Tod durch Steinigung).  Selbst die Betätigung in Gruppen, die sich für Gay Rights oder HIV-Prävention einsetzen, wird mit bis zu 5 Jahren Haft bestraft. Amnesty International berichtet, dass im Sommer letzten Jahres 42 Personen verhaftet wurden, weil sie bei einem HIV-Interventionsprogramm teilgenommen haben. Die Betroffenen wurden nicht nur durch die Behörden bestraft, sondern auch von der Polizei den Medien vorgeführt. Diese öffentliche Bloßstellung kommt einer Freigabe zum Abschuss gleich. Die nigerianische  Bevölkerung ist extrem homofeindlich eingestellt und sieht sich nicht zuletzt durch staatliche und religöse Ächtung sexueller Minderheiten zur Lynchjustiz berechtigt.

    Da sie diese Zustände nicht mehr aushalten konnten, sind Fabrice und Emile* aus Nigeria geflüchtet. Sie haben sich als Paar entschieden, ihre Heimat zu verlassen, um in Deutschland frei und sicher leben zu können. Sie wünschten sich ein Leben, in dem man sie für ihre Liebe weder verachtet, noch einsperrt oder tötet. emile

    Die beiden jungen Männer sind im Winter in Darmstadt angekommen und haben sich sofort bei vielbunt gemeldet.  In mehreren Treffen konnten wir sie kennenlernen, ihnen beim Ankommen in Darmstadt weiterhelfen. Bei Unsicherheiten standen wir ihnen zur Seite und so manche Ängste konnten wir ihnen nehmen. Auch wenn sie sich gerade erst in der Erstaufnahmeeinrichtung befanden, haben wir dennoch sehr gehofft, dass ihre Anhörung zu einem positiven Ergebnis führt und beide in Deutschland, bestenfalls bei uns in Darmstadt bleiben können. vielbunt hat seit 2015 sehr viele LSBT Geflüchtete und deren Schicksale kennengelernt. Dennoch ist die Aussicht darauf, dass Menschen in Länder abgeschoben werden, in denen sie keine Zukunft haben und um ihre Sicherheit bangen müssen, für uns jedes Mal schockierend.

    Die Polizei kam um 5.00 Uhr morgens

    Ebenso erschreckend ist die Art und Weise, wie im Asylverfahren mit Geflüchteten insgesamt und LSBT Geflüchteten im Speziellen umgegangen wird.  Emile und Fabrice haben, kaum in Deutschland angekommen, sofort einen Ablehnungsbescheid erhalten. Eine Darstellung ihrer Fluchtgründe und ihrer individuellen Biografien war nicht möglich. Die Tatsache, dass sie als Schwule besonderer Verfolgung ausgesetzt sind, wurde schlicht nicht berücksichtigt.  Die beiden mussten sich einen Anwalt nehmen und sofort Widerspruch gegen diese pauschale und ungerechtfertigte Ablehnung einlegen.

    Heute früh um 5.00 Uhr kamen insgesamt vier Polizeibeamte in die Erstaufnahmeeinrichtung in Darmstadt um Emile abzuholen. Sie klopften an und betraten ohne abzuwarten das Zimmer. Sie fragten, wer von den Anwesenden Emile sei und teilten ihm mit dass er unverzüglich nach Italien abgeschoben wird. Er hatte zwei Minuten Zeit, um seine Sachen zusammenzusuchen. Ihm wurde nicht erlaubt, sich von seinem Partner Fabrice zu verabschieden. Ihm wurde auch zunächst nicht gestattet, seinen Anwalt zu kontaktieren. Dann ging es weiter zum Polizeirevier Darmstadt. Bevor er das Gebäude betreten durfte, wurden Emile Handschellen angelegt. Auch im Polizeirevier war er die ganze Zeit an einen Stuhl gefesselt. Hier wurde ihm dann gestattet, seinen Anwalt anzurufen, den er um diese Uhrzeit nicht erreichen konnte. Im Polizeirevier wurde Emile auch sein Handy abgenommen. Dann wurde er an den Flughafen gebracht und dort wieder in Handschellen gelegt. Als er das Flugzeug betrat, sagte Emile laut, dass er nicht freiwillig nach Italien fliegen will. Daraufhin wurde ihm von den Polizeikräften gedroht, dass er ins Gefängnis müsse, wenn er nicht fliegt.

    Der Pilot bot an, Emile ein Ticket nach Darmstadt zu kaufen. Denn mitnehmen wollte er ihn nicht.

    Die Polizei hat Emile daraufhin wieder mitgenommen und ohne ein weiteres Wort am Darmstädter Hauptbahnhof abgesetzt. Seine noch gültige Aufenthaltsgestattung wurde ihm von der Polizei nicht wieder ausgehändigt.

    In der ganzen Zeit konnten wir Emile nicht erreichen. Genauso wie  Fabrice wussten wir nicht, wie es Emile geht, wo er sich befand und wohin man sich wenden soll. Fabrice war verzweifelt und wir können ihm nicht helfen.
    Nachdem man ihm sein Handy abgenommen hat, konnten weder sein Anwalt, noch seine Sozialarbeiter_innen oder wir Emile erreichen. Niemand konnte ihm raten, nicht in das Flugzeug zu steigen. Das hätten wir nämlich auf jeden Fall getan. Nur durch Emiles mutigen passiven Widerstand und das resolute Agieren des Piloten konnte diese Abschiebung abgewandt werden!

    Alle Rainbow Refugees die wir betreuen und begleiten, kommen aus Ländern in denen sie wegen ihrer Homosexualität um ihre Sicherheit fürchten müssen. Wir wollen niemanden in ein solches Leben zurück gehen lassen. Eine Abschiebung nach Italien würde uns die Chance nehmen, uns mit unseren ohnehin geringen Handlungsmöglichkeiten für Emile einzusetzen.

    Flucht ist kein Verbrechen

    Und auch für uns stellt sich nun ein Gefühl der Hilflosigkeit ein. Dabei sind wir die, die Unterstützung und Halt bieten sollten.

    Wir verurteilen die skandalöse Art und Weise, wie mit den Menschen verfahren wird, denen in ihren Herkunftsländern soziale Ächtung, Gefängnis und Tod drohen. Wir stellen uns gegen eine Asylpolitik, die vor allem auf Ablehnungsbescheide und Abschiebungen fokussiert ist, statt auf individuelle Schicksale und Fluchtursachen. Jeder Mensch, der Schutz in Deutschland sucht, verdient ein faires Verfahren, in dem er seine Fluchtgründe und seine persönliche Biografie darstellen kann. Egal woher er kommt und über welches Land er eingereist ist.

    Wir verurteilen ebenso die überfallartigen Abschiebe-Kommandos, die Menschen in ihren Unterkünften aus den Betten holen und wie Kriminelle abführen.  Flucht ist kein Verbrechen!

    Emile und Fabrice, zwei junge Männer von 23 und 22 Jahren haben als Paar eine gefährliche Flucht nach Europa auf sich genommen, die viele Menschen nicht überlebt haben. Sie sind mit einem Boot in Italien angekommen und haben es bis nach Deutschland geschafft, weil sie sich gegenseitig hatten. Auch in Darmstadt gab es nur Emile und Fabrice. Sie hatten nur sich.
    Wir verurteilen das grausame Auseinanderreißen von Paaren und (Wahl-)Familien. Unsere Leute brauchen sich!

    Uns bleibt keine Zeit, den Schock zu verarbeiten. Wir sind heute zum ersten Mal unmittelbar mit der Abschiebung eines von uns betreuten Rainbow Refugees konfrontiert.  Auch wenn Emile jetzt gerade wieder zurück gekommen ist, wissen wir, dass er jederzeit wieder abgeholt werden kann.

    Wir stehen vergleichsweise hilflos da, können momentan weder Trost noch Rat bieten. Dabei ist auch das eine unserer wichtigsten Aufgaben als Rainbow Refugee Supporter.
    Wir haben vor zwei Jahren begonnen, LSBT Geflüchtete in Darmstadt und Umgebung zu unterstützen. Wir sind fest entschlossen, alles dafür zu tun, dass unsere Leute bleiben können. Mit dem heutigen Tag noch mehr denn je!

    Wir bitten alle, die wissen wie man hier konkret helfen kann, sich bei uns zu melden.

    Kontakt:
    Stefan Kräh
    vielbunt e. V. | Rainbow Refugees Darmstadt

    0176-62573994
    stefan.kraeh@vielbunt.org

     

     

     

    *  Namen geändert, um die Sicherheit der Betroffenen nicht zu gefährden.

  • Pressemitteilung gegen das Symposium der Demo für Alle

    Pressemitteilung gegen das Symposium der Demo für Alle

    Als Teil des Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt veröffentlichen wir die gemeinsame Pressemitteilung von über 100 Bündnisorganisationen.

    Wir wollen keine Veranstaltung dulden, auf der Sex tabuisiert wird, homofeindliche und transfeindliche Thesen propagiert werden und man uns für krank erklärt.
    Kommt am 06.05.2017 mit uns nach Wiesbaden!
    Gemeinsamer Treffpunkt um 08.30 Uhr am Bahnsteig.

    Gemeinsame Presseerklärung

    Schon 2016 stellten sich im Rahmen des Bündnisses für Akzeptanz und Vielfalt etwa 3.000 Personen aus der Wiesbadener Stadtgesellschaft und darüber hinaus gegen die populistischeHetze und bürgerlich verpackte Diskriminierung der sogenannten „Demo für alle“. Diese hat ihren Ursprung in der französischen Bewegung „Manif pour tous!“ und wird in Deutschland aus AfD-nahen Kreisen organisiert. Dabei setzt man, trotz anderslautender Lippenbekenntnisse in der Öffentlichkeit, auf die Unterstützung durch Organisationen wie NPD, Der III. Weg und Identitäre Bewegung, welche dem äußerst aggressiven rechten Rand der Gesellschaft zuzuordnen sind.

    Nun möchten dieselben Organisatoren am 06. Mai 2017 ein Symposium rund um das Thema „Sexualpädagogik der Vielfalt – Kritik einer herrschenden Lehre” in einem der Wahrzeichen unserer Stadt stattfinden lassen: Im Kurhaus Wiesbaden.
    Hierbei handelt es sich um einen Veranstaltungsort, der sich durch  vereinende und traditionelle Veranstaltungen wie der Ballnacht der AIDS-Hilfe Wiesbaden und zahlreiche Kunst- und Kulturveranstaltungen auszeichnet, die die gesellschaftliche Vielfalt dieser Stadt proklamieren. Es sollte weder hier noch anderswo einen Ort für pseudowissenschaftliche Vorträge und gezielte  Desinformation auf Kosten von gesellschaftlichen Gruppen geben.
    Am 06.05. werden Redner auf dem Podium stehen, welche die sogenannte „Homoheilung“, also Therapien zur angeblichen Heilung der Homosexualität, befürworten und offen für eine flächendeckende Diskriminierung werben. Dabei sprechen sie zwar von Kinderrechten und Familienwerten, schränken jedoch das Recht auf Wissen und Aufklärung ein und wollen tausenden fürsorglichen Eltern den Familienstatus aberkennen.

     

    „Als Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt, unter dessen Namen im vergangenen Oktober über 100 Organisationen für eine  diskriminierungsfreie Gesellschaft auf die Straße gingen, werden wir auch diesmal wieder vor Ort sein und zeigen, dass unsere Gesellschaft vielfältig, bunt und offen ist. Wir sind bereit, diese Werte gegen jede Art von Angriff zu schützen“, kündigt Manuel Wüst, 1. Vorsitzender des initiierenden Vereins Warmes Wiesbaden e.V., an.
    Das Bündnis lädt daher zwischen 10:00 Uhr und 12:00 Uhr zu einem Regenbogenfest direkt vor dem Kurhaus ein. Mit Frühschoppen, Kinderprogramm und kurzen Reden wollen wir alle gemeinsam ein buntes Zeichen setzen. Es wird um Selbstversorgung gebeten.

     

    Ergänzende Informationen:
    Der 2016 eingeführte Lehrplan zur Sexualerziehung in Hessen rief umgehend Stimmen aus der rechten Szene um die berüchtigte  sogenannte „Demo für alle“ auf die Tagesordnung. Grund dafür war eine Modifikation der sexuellen Aufklärung im Schulunterricht: Den
    Schülern sollte die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen vermittelt werden – und damit Offenheit, Diskriminierungsfreiheit und wertschätzendes Verständnis für Verschiedenheit und Vielfalt.
    Fakt ist: Andere Lebenskonzepte jenseits des heterosexuellen Vater-Mutter-Kinder-Modells und Geschlechtlichkeit unabhängig von der Zuweisung bei der Geburt sind längst gesellschaftliche Realität. Das Bündnis um Hedwig von Beverfoerde (ehemals CDU, gut vernetzt mit der Familie von Storch; AfD), das tatkräftig von Beatrix von Storch (AfD) und Birgit Kelle (CDU) unterstützt wird, ist sehr weit davon entfernt, dies zu akzeptieren. Der neue Lehrplan trete Kindergefühle und Elternrechte mit Füßen, so die Veranstalter der so genannten „Demo für Alle“.
    Zu diesen mit Füßen getretenen Kindergefühlen ist auch anzuführen, dass die Landesschülervertretung den neuen Lehrplan ausdrücklich befürwortet. Darüber hinaus erfüllt jede Bildungsinstitution ihren säkularen Auftrag. Die Würde von trans- oder intersexuellen Kindern und der Jugendlichen, die schwul, lesbisch oder bisexuell sind, wird dabei gezielt ausgeblendet. Die Existenz transsexueller Kinder und Jugendlicher wird einerseits angezweifelt, aber andererseits als „therapierbar“, im Sinne eines äußeren Zwangs hin zum zugewiesenen Geschlecht, dargestellt. Etwas, das die Bundesärztekammer und der Weltärztebund als unethisch einstufen.

    Das Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt

    Das Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt gründete sich im Oktober 2016 nach einem Aufruf der Wiesbadener Vereine Warmes Wiesbaden e.V. und AIDS-Hilfe Wiesbaden e.V..
    Innerhalb weniger Wochen fanden sich über 100 Organisationen und Vereinigungen, die eindeutliches und positives Zeichen für eine offene Gesellschaft setzen wollten. Zur Demonstration am 30.10. unter dem Titel „Ihr seid nicht alle“ fanden sich über 3.000 Personen aus dem Rhein-Main Gebiet zusammen. Die durchweg friedliche Demonstration setzte einen eindrucksvollen Gegenpol zur sogenannten „Demo für Alle“, die mit knapp 1.000 Demonstrant_innen weit unter den angekündigten Zahlen blieb.
    Die Organisationen des Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt bilden fast das gesamte gesellschaftliche Spektrum ab und haben in dieser Form zum ersten Mal zusammengearbeitet
    Symposium