Offener Brief: Trans*feindlichkeit in den Medien

“Das Geschichtsbuch im Regal wiederholt sich ständig.” – seit Jahrzehnten tanzen wir über diese Zeile hinweg. Das, obwohl an der Aussage sehr viel dran ist. Einige Dinge ändern sich eben nie. Dass sich Dinge im geschichtlichen Zeitrahmen wiederholen, müsste insbesondere Andreas Rödder wissen. Dieser wird in einem Echo-Artikel vom 6. Februar 2021 vorgestellt als Gastautor und Professor für Neueste Geschichte. Im Artikel “Das *-Thema” darf sich die Person so richtig aufregen über eine diskriminierungsfreie Sprache und unwidersprochen die Situation von trans* Menschen mit Pädophilie vergleichen.

Es ist auch nicht verwunderlich, dass Rödder die Diskussion um eine geschlechtergerechte Sprache nutzt, um seine queerfeindliche Haltung zu manifestieren und um nach seinen Hasstiraden zur diskriminierungsfreien Sprache einen Bezug zwischen trans* und Pädophilie herzustellen. Hier wiederholt sich die Geschichte, denn zum Thema Pädophilie zu greifen, für unappetitliche Vergleiche, ist nicht neu. Friedrich Merz, der mehrfach für den Vorsitz der CDU kandidierte, brachte 2020 diesen Vergleich bereits beim Bewerben seiner Kandidatur. Erika Steinbach, ehemals CDU-Mitglied und nun der AfD nahestehend, befriedigt damit die Leselust der Blase, in der sie sich befindet, ebenfalls. Diese Vergleiche, die seit Jahrzehnten kursieren, haben nach wie vor ein Ziel: das Schüren von Angst und Hass gegenüber queeren Menschen.

Der “Gastautor” vermischt mehrere Thematiken miteinander. Drei Schwerpunkte stechen dabei heraus:

Erstens ist hier markant, wie stark diese Stimmungsmache gegen trans* Menschen ist. Diese ist jedoch nicht neu. Seitdem Menschen vereinter gegen Diskriminierung vorgehen und diskriminierende Richtlinien mancherorts gekippt werden, werden Kritiker*innen lauter und dreister, und scheuen sich – wie neben Rödder beispielsweise auch Birgit Kelle – nicht, in einer verächtlichen, abwertenden Sprache über eine Gruppe von Menschen zu sprechen, die zu einer der am stärksten marginalisierten Gruppen überhaupt gehört. Der Schaden, der dabei für trans* Personen angerichtet wird, wird hier billigend in Kauf genommen, um die eigene Agenda voranzutreiben. 

Diese Verrohung der Sprache führt auch zu Handlungen. Wir beobachten dies in Deutschland daran, dass Hassgewalt gegen queere und insbesondere trans* Menschen erschreckend zunimmt. Wie Ungarn zeigt, können sich diese Handlungen aber auch bis auf die staatliche Ebene ziehen und dazu führen, dass das freie Leben von trans* Menschen gesetzlich eingeschränkt wird. Ein weiteres Land, die Vereinigten Staaten, zeigt ebenso, wie fragil der Schutz von trans* Menschen selbst auf rechtlicher Ebene ist: Es hat sich ein Tauziehen bestehend aus widersprüchlichen Gesetzen etabliert, welches zeigt, dass das Einstehen für die Rechte von queeren Menschen eine wahre Sisyphusarbeit ist.

Zweitens verquickt Rödder das Thema der geschlechtergerechten Sprache ganz bewusst mit einem anderen Thema, welches durch eine aktuelle Debatte im Vereinigten Königreich medial wieder mehr an Aktualität gewinnt. Es ist die Frage, wie wir mit trans* Identität bei Jugendlichen umgehen sollten und inwiefern Eltern und Ärzt*innen zulassen müssen, dass diese überhaupt gelebt werden darf. Medizinisch gesehen gibt es die Möglichkeit, trans* Jugendlichen ein temporäres Aufschieben der Pubertät zu ermöglichen, um mehr Entscheidungszeit zu gewinnen oder auch nach reiflicher Überlegung eine Transition in Wege zu leiten. Dabei müssen sie natürlich ein starkes Mitspracherecht haben – wer weiß besser Bescheid über ihr Geschlecht als sie selbst? Da das Nichteingreifen in der Regel eine genauso irreversible Entscheidung ist wie eine Transition einzuleiten, sind die Pubertätsblocker der einzige Weg, um Teenagern mehr Zeit zum Nachdenken zu schenken, falls Zweifel bestehen.

Wie der Tagesspiegel im Artikel “Debatte um trans Jugendliche” erläutert, ist das Thema in Deutschland jedoch lange nicht so kontrovers, wie es Rödder darstellt. Denn de facto werden im Rahmen einer Transition nicht nur Jugendliche, sondern auch ihre Eltern einbezogen. Ärzt*innen und Psychotherapeut*innen arbeiten in Deutschland mit großer Sorgfalt. Eine Transition ist folglich nie eine Entscheidung, die in einem Augenblick oder über Nacht getroffen werden könnte, und zieht sich gerade bei jungen Personen über viele Jahre hin.

Auch der Respekt vor der selbstempfundenen Geschlechtsidentität einer Person, unabhängig von körperlichen Merkmalen, ist keine hochproblematische Ideologie. Diese Identität wurde schon mehrfach vom Bundesverfassungsgericht als ausschlaggebendes Merkmal befunden, unter anderem auch in einem Urteil, in dem nicht-binäre Personen das Recht auf eine korrekte Anrede zugesprochen wurde. Dieser Respekt ist Konsequenz der Achtung vor der Würde des Menschen.

Rödder äußert sich im Gastbeitrag hingegen so: „Pubertierende Jugendliche eine Entscheidung von solch lebenslanger Tragweite treffen zu lassen, ist verantwortungslos. Das erinnert mich an die sorglose Verharmlosung von Sex mit Minderjährigen in den achtziger Jahren […].“. So weit, so falsch und trans*feindlich also.

Drittens das Thema, welches laut Überschrift eigentlich im Vordergrund stehen sollte; es ist das Gendersternchen. Zunächst postuliert Rödder, das Benutzen des generischen Maskulinums, also das alleinige Verwenden der maskulinen Form eines Wortes, erfasse alle Geschlechter. Alleine aus logischer und semantischer Sicht ist das maximal falsch – es ist immerhin weiterhin das Maskulinum, egal, mit welcher Motivation es verwendet wird. Die Gedanken, die hinter der Verwendung des jeweiligen Wortes stehen, werden nicht auf magische Weise beim Sprechen mit übertragen.

Mit dieser Ansicht bleibt Rödder weit hinter der heutigen Lebensrealität vieler Menschen zurück: Personen, die eine binäre Geschlechterzuordnung für sich nicht als passend empfinden, gibt es in allen Altersstufen, sie werden in den Medien immer sichtbarer, und doch sollen sie in der Sprache – wie in vielen Statistiken – nicht sichtbar gemacht werden. Dabei haben wir das Mittel für die Schaffung von Sichtbarkeit längst gefunden: Das Gendersternchen schafft genau diese Inklusivität für alle. Das Sternchen ist dafür da, alle Leser*innen anzusprechen, egal, welches Geschlecht sie haben. Es heißt alle Menschen willkommen und spricht sie an – auch Andreas Rödder.

Die Überschrift seines Artikels, der Gender-Stern würde eine hochproblematische Ideologie verbreiten, ist angesichts der Tatsache, dass er selbst eine hochproblematische und trans*feindliche Ideologie verbreitet, fast ironisch. Sie zeigt aber auch: Es ist Zeit, Trans*feindlichkeit Geschichte werden zu lassen!