
Ohne Dich wird uns immer etwas fehlen, Jochen.
Die Gründung von vielbunt hat Jochen damals ehrlich gefreut. Sehr schnell schuf er erste Kooperationen und nutzte sie ganz selbstverständlich für das QUEER Filmfest. Natürlich war ihm klar, dass sein Engagement und seine Präsenz immer auch ein Gewinn für vielbunt und für die Darmstädter LSBT*IQ Community waren. Seit es uns gibt, fand Jochen immer wieder Gelegenheiten, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen und so das subkulturelle Leben in unserer Region mitzugestalten. Und wir haben fast immer gern mitgemacht.
Beim CSD in Darmstadt und eigentlich auch bei jedem anderen blieb Jochen schon auf den ersten Blick im Gedächtnis. Knappes Höschen, bunte Irokesenperücke, sonst nicht viel. So war Jochen. Und so kannten ihn mehr Menschen, als er sich vermutlich selbst je gedacht hätte. Wer ihm begegnete, wurde ungefragt mit einem briefmarkengroßen Sticker des QUEER Filmfests versehen. Man wartete jedes Jahr fast schon darauf. Als einer Delegation von vielbunt auf dem EuroPride in Malta plötzlich mehrere auf diese Weise frankierte Demoteilnehmende auffielen, war klar: Jochen kann nicht weit sein. Kurz darauf fiel unser Blick auf den Paradewagen eines Technoclubs. Jochen hatte sich offenbar gerade an der Security vorbeigequatscht, um ganz oben auf dem Truck zu posieren.
Für seine Mitmenschen, egal welchen Alters und egal woher sie kamen, hatte Jochen immer ein Herz. Gespräche mit ihm waren interessant und witzig. Er hatte oft viel zu erzählen, nahm sich selbst dabei aber nie zu ernst. Einmal verriet er unserem damaligen Vorsitzenden einen Spartipp für die jüngere Generation: Statt nach einer Party in einer fremden Stadt ein Hotel zu nehmen, könne man auch einfach eine Kabine in der Gaysauna buchen. Das sei deutlich günstiger, schön warm und man könne dort erstaunlich gut schlafen.
Gerne erinnern wir uns daran, wie Jochen Synergien zwischen dem Kommunalen Kino Weiterstadt und vielbunt geschaffen hat. Als vielbunt noch ganz neu war, lud er uns ein, beim Filmfest die Patenschaft für einen Film zu übernehmen. Dass wir dafür keinerlei finanzielle Mittel hatten, war für ihn nebensächlich. Wichtig war, dass wir da waren und die Möglichkeit hatten, uns als neuer Verein dem Publikum vorzustellen. Diese Patenschaften übernahmen wir in den Folgejahren immer wieder gern und irgendwann konnten wir sie dann auch bezahlen. Im Gegenzug kaperte Jochen alljährlich den kleinen Floor unserer Schrill & Laut Party. Mit Trailern der aktuell in Weiterstadt laufenden Filme wurde das Publikum auf das Filmfest aufmerksam gemacht, während Jochen nebenan auf dem großen Dancefloor tanzte.
Den Vogel abgeschossen hat er vor drei Jahren, als er für das Filmfest eine Show in unserer QUEERBAR veranstalten wollte. Er war überzeugt, dass das perfekt zusammenpasst und alles kein großer Aufwand sein würde. Offenbar hatte er jedoch noch viele andere Dinge im Kopf, denn die Planung geriet ins Hintertreffen. Kurz vor dem Event war kaum etwas geregelt, Absprachen waren verloren gegangen. Jeder andere hätte vermutlich abgesagt. Jochen hingegen bekam es innerhalb von zwei Tagen irgendwie noch hin. Und obwohl die Stimmung zuvor leicht angespannt war, mussten wir bei seinem abschließenden „Hat doch subber geklappt alles“ sofort wieder lachen.
Vielleicht hat angesichts des einen oder anderen Organisationsstresses mit diesem liebenswerten Chaoten jemand einmal gesagt: Nie wieder mit Jochen. Und das sogar ernst gemeint. Heute werden wir nachdenklich. Party. Filmfest. CSD. Unverhoffte Begegnungen an unmöglichen Orten. Das alles nie wieder mit Jochen?
Was bleibt, ist die Lücke, die er hinterlässt, und die Gewissheit, dass unsere Community ohne ihn leiser und sehr viel weniger lebendig wäre.